| Die 70er |
| Mode |
In den
70ern herrscht die große Freiheit. Die 68er haben revoltiert, daß
ist schon Vergangenheit. Jeder trägt die Haare jetzt lang. Wer es nicht
tut, ist wirklich asbach-uralt. Die Bundeswehr-Führung überlegt
ernsthaft die Einführung von Haarnetzen für die Soldaten.
Die Röcke sind so kurz
geworden, dass eine Steigerung nicht mehr möglich ist. Konsequenz: Nach
dem "Mini" soll der "Maxi" Mode werden, setzt sich aber nie recht durch.
Nachhaltig rutschen die Säume erst wieder ab 1975. Die Blusen haben
große Krägen, sind hauteng geschnitten und werden auf nackter Haut
getragen. Und wer modisch etwas auf sich hält, trägt sie bis zum 3.
Knopfloch offen.
Jeans, T-Shirt, Parka und
Turnschuhe sind die Uniform der Jugend. Wenn ich mich richtig erinnere, waren
die Schlaghosen nur zu Beginn der 70er "in", dann kommen weite Hosen für
die Mädels, bei den Jungs bleiben die Hosen eng, der Schlag entschwindet
aber, wofür nicht nur die Fahrradfahrer ewig dankbar sind.
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| Musik |
Tommy
Gottschalk moderiert "Pop nach Acht" auf Bayern 3. Die Beatles hören wir
im Musikunterricht in der Schule als moderne Klassik. Von den Rolling Stones
spricht niemand mehr. Wer erinnert sich eigentlich noch an T-Rex?
"Alles klar auf der Andrea Doria..." singt Udo Lindenberg
Genesis, Kiss, Santana, David Bowie, Rod Stewart, Queen. Lebt Jimmi Hendrix
eigentlich noch? Janice Joplin? |
| Schule |
Bildung
soll jedem offen stehen. Wegen der geburtenstarken Jahrgänge reichen die
alten Schulen bei weitem nicht mehr aus. Überall entstehen neue
Schulgebäude, oft im modischen Betonbau. Die Lehrer sind jung und kommen
gerade von der Uni. Der Aufklärungsunterricht wird als Teil des
Biologie-Unterrichts eingeführt. Die Klassen sind "gemischt". Die Lehrer
diskutieren mit den Schülern und wollen motivieren. Versucht ein Lehrer,
von oben herab anzuschaffen, wird er ausgelacht. Was superneues ist das
Sprachlabor. Hier kann man Englisch erstmals nicht bloß aus dem Lehrbuch
ablesen, sondern hören, nachsprechen und verbessern. Schüler und
Lehrer sind gleichermassen beeindruckt. |
| Englisch |
Englisch
ist von der Haupt- bis zur Oberschule Pflichtfach. "Leit, des müaßts
kennen" sagt der Englischlehrer in der Schule. Die Songs, die wir hören,
sind englisch. Selbst deutsche Gruppen haben englische Namen und singen auf
englisch. Im Fernsehen laufen hauptsächlich amerikanische und englische
Serien. Politisch und wirtschaftlich ist die BRD angewiesen auf die guten
Kontakte zum Big Brother Amerika. Deutsches ist dröge und miefig. Jung und
modern ist alles, was aus den englischsprachigen Ländern
kommt. |
| Politik |
Die 70er
sind das Jahrzehnt der Sozialdemokraten. Willi Brandt, Helmut Schmidt. Beide
haben noch dunkle Haare und wirken jung im Gegensatz zu den weißhaarigen,
uralten Politikern, die uns bisher regiert haben. Ein frischer Wind weht durchs
Land. Willi Brandt hat den Mut, erstmals zu sagen, was die Jugend sowieso
denkt: Es gibt zwei deutsche Staaten. Mit seiner Ostpolitik erkennt Brandt de
facto diese Tatsache an.
Deutschland existiert in Form von
zwei Kürzeln: BRD und DDR. Ein paar ewig Gestrige träumen in
Sonntagsreden übrigens immer noch von der "Wiedervereinigung". Ehrlich
gesagt: Kein Thema für uns. Was soll sich eigentlich "wieder" vereinigen?
Das "Deutsche Reich?" Damit hat die Jugend nichts am Hut.
Zwar wirkt die BRD ebenso
gesichtslos und geschichtslos wie ihre Hauptstadt Bonn, doch man will sich ja
auch gar nicht mit ihr identifizieren. Man ist "Bayer" oder "Hamburger",
politische Vorbilder sind sowieso die angelsächsischen Länder mit
ihrer langen demokratischen Tradition. |
| Gesellschaft |
Während in den 50ern die meisten damit
beschäftigt sind, erstmal wieder genug zum Leben zu haben, bricht Ende der
60er der allgemeine Wohlstand aus. In den Läden kann man alles kaufen, was
das Herz begehrt. Die Löhne sind kontinuierlich gestiegen, die
SPD-Regierung sorgt mit Kindergeld, Bafög usw. dafür, dass auch in
den Arbeiterfamilien ein bischen mehr als genug bleibt.
Wer will kann studieren. Immer mehr
verreisen, der Pauschaltourismus nimmt ungeahnte Ausmasse an. Allmählich
hat jede Familie ein Auto, in fast jeder Wohnung steht ein Telefon.
Die 70er-Generation ist die
Wohlstandsgeneration, der erstmals in grenzenloser Freiheit alles offen zu
stehen scheint. Der Westen lebt im Frieden, etwas anderes kann man sich gar
nicht mehr vorstellen. Selbst die Bedrohung aus dem Osten, die in den 60ern
noch so real scheint, wirkt nicht mehr ganz uptodate.
Die Bedrohung des Friedens kommt
von anderer Seite: Die Kinder der Wohlstandsgesellschaft rebellieren gegen die
einseitige und oft sinnentleerte Konsumwelt der Erwachsenen und deren
Schattenseiten. |
| Schattenseiten |
Der Abfall
der Wegwerfgesellschaft wächst zu Müllhalden, die Industrie leitet
ihre Abwässer in die Flüsse und Seen. Abgase verpesten die Luft. Die
Umweltverschmutzung und -zerstörung wird zunehmend zum Thema und
führt schließlich zur Gründung der Umweltpartei der
"Grünen".
Die Industrie ist auf
ständiges Wachstum angewiesen, erste Einbrüche führen zu
steigenden Arbeitslosenzahlen. Selbst nach der Ölkrise ist das importierte
Öl aus dem Ausland weiterhin billigste Rohstoffquelle. Alte
Kohlebaugebiete befinden sich in der Dauerkrise und veröden.
Industrieruinen bestimmen das Bild ganzer Landschaften.
Nicht jeder kommt mit der
großen Freiheit zurecht. Sinnsuche wird in. Manche flüchten zum Guru
nach Indien, andere nehmen Drogen. Sektentum und Rauschgift werden zunehmend zu
einem Problem.
Eine kleine Gruppe, die sich
besonders an der selbstzufriedenen Haltung der BRD und Ihrer Politiker
stößt, radikalisiert sich zunehmend. Sie befindet sich
schließlich aus ihrer Sicht im Krieg mit dieser Gesellschaft. Was mit
Bombenanschlägen auf Kaufhäuser der sogenannten "Baader-
Meinhof-Bande" beginnt, findet seinen Höhepunkt in der Entführung und
Ermordung von Hanns-Martin Schleyer und dem Kidnapping der "Landshut" im
"deutschen Herbst" 1977. Die Terroristen schaffen es, die BRD für kurze
Zeit ernsthaft zu bedrohen.
Noch steht der Öffentlichkeit
die Hilflosigkeit der Staatsgewalt von 1972 vor Augen: Bei den Olympischen
Spielen in München werden israelische Sportler von palästinensischen
Terroristen in ihrer Unterkunft überfallen. Die deutsche Polizei ist auf
einen solchen Fall nicht vorbereitet, die versuchte Befreiung endet in einem
Desaster.
Doch die Voraussetzungen sind 1977
anders als 1972. Nach dem Vorbild von Großbritannien, Frankreich und den
USA hat die Polizei seit 1972 eine spezielle Anti-Terror-Einheit, die "GSG 9"
aufgebaut, die sich schließlich bei der Befreiung der
"Landshut"-Geißeln in Mogadischu bewährt.
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| Realität |
In den
frühen 70ern ist die Welt friedlich gestimmt. Oft ist vom "Weltfrieden"
die Rede. Demonstranten rufen "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg" Manche
diskutieren ernsthaft, ob die Bundeswehr oder die Polizei überhaupt
notwendig sind. Schockartig wird 1972 klar, daß eine gute Gesinnung gegen
Maschinengewehre nichts ausrichtet. Manchmal kann Gewalt nur mit Gewalt
bekämpft werden. Diese traurige Wahrheit bestätigt sich
1977. Die Welt wird danach illusionsloser, zynischer, brutaler,
"realistischer". We fade to grey... |