The Cleaning Ladies comments to Just Another Point of View
Die andere Seite.
Langsam ging sie durch den offenen Raum, ihre vorsichtigen Schritte in seltsamem Kontrast zu der hektischen Aktivität in der halb abgedunkelten, mit Computern, Schreibtischen und allen möglichen technischen Spezialgeräten vollgestopften Etage. Die schwarze Aktentasche trug sie nah am Körper, die Schultern leicht hochgezogen in dem dunkelgrauen Kostüm.
Auszug aus einem Report des Federal Bureau of Investigation (kurz: "FBI"), einer Bundesbehörde zur Verbrechensbekämpfung der Vereinigten Staaten von Amerika:
"...Bei der Befreiung der gekidnappten Tochter von Senator Carson in Los Angeles trafen mein Partner und ich auch auf zwei bewaffnete Männer, die, wie sich später herausstellte, dem "CI5" (kurz für: Criminal Intelligence 5, einer vormals britischen, nun internationalen Kriminalabteilung) angehörten. Der betreffende Schaden an der Lokomotive und die Zerstörung der ganzen östlichen Glaswand des Lok-Hangars, hervorgerufen durch ein Durchfahren selbiger mittels o.g. Lok, wurde durch die zwei Agenten des CI5 verursacht...."
"Chris." Sam Curtis, CI5-Agent, wandte sich an seinen Partner Chris Keel, der brütend an seinem wie üblich unaufgeräumten Schreibtisch saß.
"Hmmm".
"Ich wette, das ist sie!"
"Wer?"
"Na, die Prüferin!
Auszug aus einem Schreiben der Europäischen Union, Abteilung: übernationale Dienststellen, Unterabteilung: Revision II, Sparte: Außenprüfung IV/a, Sitz: Brüssel, an: Harry Malone, Controller, Cr. Intelligence 5, London:
"...setzen wir Sie davon in Kenntnis, das am 5. des Monats eine Außenprüfung in den Räumen Ihrer Dienststelle stattfinden wird. Insbesondere sollen geprüft werden: Alle Unterlagen und Kostenaufstellungen im Zusammenhang mit dem Fall der bulgarischen Terroristen, die im Vormonat den Versuch unternahmen, die hochrangigen Teilnehmer einer übernationalen Mittagsbesprechung in Wolston House, Großbritannien, in die Luft zu sprengen...."
Chris Keel hob unwillig den Kopf und betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen die dunkelhaarige Fremde. Genau wie sein Kollege kurz vorher nahm er automatisch alle Details ihrer Erscheinung auf. Seine Mundwinkel gingen nach unten. "Schon? Das kann nicht sein!" Mit komischer Verzweiflung betrachtete er das Durcheinander von Quittungen, Belegen und Formularen vor ihm.
"Chris, du Schlampe" Sam hatte seinen überlegenen Blick aufgesetzt und strich selbstzufrieden mit dem Ärmel über die makellos saubere, leere Platte seines Schreibtischs. Er öffnete die linke untere Schublade und holte ein penibel zusammengeheftetes Papierpäckchen hervor. "Reisekostenabrechnung 01. bis 31. Oktober" las er laut vor, bevor er das Päckchen aus der Hand legte. "Alles da! Von mir aus kann sie mit der Prüfung beginnen...CHRIS!!"
Curtis, der aus den Augenwinkeln die verräterische Bewegung am Nachbartisch wahrgenommen hatte, duckte sich blitzschnell. Der Radiergummi segelte über ihn hinweg und landete mit einem Plong im Papierkorb. Gleichzeitig rutschte ein gefährlich schiefer Papierstapel auf Chris' Schreibtisch zu Boden. "Verdammt!" stieß Chris, nunmehr aufs Äußerste gereizt, hervor und wischte in einem jähen Anfall von Zorn auch noch den verbleibenden Rest von der Schreibtischplatte.
Rasch unterdrücktes Gelächter war zu hören. Keel drehte sich um, die blitzenden blauen Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Er sah nur abgewandte Gesichter.
"Chris" murmelte da eine verführerische Frauenstimme in sein linkes Ohr. Eine feingegliederte Hand legte sich leicht auf seine Schulter. "Wie wäre es, wenn Du gleich am Boden arbeitest, du hättest viel mehr Platz und Malone spart einen Schreibtisch!"
Curtis, der das Intermezzo lässig in seinem Stuhl zurückgelehnt beobachtet hatte, sagte mit gleichmäßiger Stimme "Hallo Tina" und warf erst ihr und dann seinem Partner einen kühlen Blick aus eisgrauen Augen zu, ein leicht ironisches Lächeln umspielte seinen Mund. Nicht zum ersten Mal erlebte er einen der Zornanfälle seines Partners mit. Wenigstens hatte der Amerikaner diesmal nicht gleich seine Waffe gezogen.
Auszug aus einem internen Gesprächsprotokoll der Metropolitan Police der City of London:
"...Sie fragen mich, weshalb der Wagen einen Totalschaden hat? Dann sollten Sie mal diese zwei Typen vom CI5 fragen, Sam Curtis und Chris Keel, was bei der Verfolgung der verdächtigen Bulgaren quer durch London passiert ist... Und wenn Sie schon dabei sind, können sie auch gleich fragen, weshalb dieser amerikanische Affe seine Waffe auf mich gerichtet hat... Ja sie hören richtig, seine Dienstwaffe auf mich, einen Beamten der Met..."
"Chris, wie wärs", sagte Tina in diesem Moment, "Du sammelst Deine Papiere schön brav auf, und ich zeige Dir zur Belohnung, wie Du die Abrechnung ganz schnell mit dem Computerprogramm machen kannst, das ich geschrieben habe." Widerwillig begann Keel zu schmunzeln. Sam beobachtete, wie sich seine zu Fäusten verkrampften Hände langsam lockerten. Tina Backus, nicht umsonst "Backup" genannt, hatte die Situation wieder mal gerettet.
Auszug aus einem Fall-Report des CI5, London:
"...Agent Tina Backus bemerkte zu mir und Agent Chris Keel, der gerade dabei war, sich auf den Fahrersitz des vermutlichen Tatfahrzeuges, eines schwarzen Mercedes, der in der Hotelgarage stand, zu setzen, das möglicherweise eine Bombe in dem Wagen eingebaut sein könnte. Sie begründete diese Vermutung damit, das der Wagen nicht abgesperrt sei und warnte Mr Keel, das die Zündung eventuell auch ein Bewegungsmelder, der mit dem Fahrersitz gekoppelt ist, sein könnte.
Jede Bewegung durch Agent Keel könne ihn möglicherweise auslösen. Ich versuchte daraufhin, Agent Keel zu stützen. Eine weitere Untersuchung durch Agent Backus bestätigte diesen Verdacht. Da Agent Keel sich nicht länger in seiner Position halten konnte und auf den Sitz gefallen war, konnten wir Agent Backus außerdem darüber informieren, daß der Auslöser eine Zeitschaltuhr ist, die sich eben eingeschaltet hatte. Da K. hierdurch äußerst gefährdet war, war es nicht möglich, auf die Bomben-Spezialeinheit zu warten.
Agent Backus übernahm deshalb die schwierige Aufgabe, den Zünder von der Bombe zu trennen, selbst und löste sie bravourös...."
** * *
"Mr Malone?"
Malone, vertieft in das Studium eines Briefes, blickte, die Augen weit geöffnet hinter der Metall-Brille, auf.
Auszug aus einem handgeschriebenen Brief von Mrs K. Perry and Harry Malone, c/o CI5, London:
"...bin ich in Kontakt mit verschiedenen Freunden und Kollegen meines verstorbenen Sohnes Tom. Wie sie sich denken können, habe ich dadurch auch erfahren, daß Sie es waren, der persönlich Tom aus Sofia in Bulgarien herausgeholt hat, als er bei seinem dortigen Einsatz schwer verletzt worden ist. Ebenso waren Sie es, der zwei seiner besten Agenten-Kollegen, Sam und Chris, aus den USA zurückbeordert hat, nur um Tom bestmöglich bewachen zu lassen. Sie müssen also nicht denken, daß ich Ihnen in irgendeiner Weise einen Vorwurf daraus mache, das diese Terroristen meinen Tom doch noch im Krankenhaus überfallen haben. Sie haben Ihr menschenmögliches und ja, mehr, getan. Es ist mir ein Anliegen, Ihnen für Ihre Anteilnahme zu danken..."
"Ja."
"Ich bin Winnie Balastos,... mein Kommen wurde angekündigt..." der Satz, nicht ganz Feststellung, auch nicht Frage, blieb unfertig in der Luft hängen.
Malone faltete den Brief zusammen und antwortete geschäftsmäßig "Ja. ich wurde von Brüssel informiert. Die Zeit war etwas knapp, um alle Unterlagen vorzubereiten - vor allem, da Sie, was immerhin ungewöhnlich ist, einen speziellen Fall prüfen wollen, der gerade erst abgeschlossen wurde"
Die Prüferin bedachte Malone mit einem vagen Blick aus dunkelbraunen Augen.
Typisch, dachte Malone gereizt, erst setzten sie ihm diese Buchhalterin vor die Nase, und dann hielt diese es nicht einmal für nötig, zu antworten, wenn er etwas sagte.
"Wo kann ich wohl arbeiten?" fragte die Dame unschlüssig.
Malones ohnehin schon kühler Ton wurde, wenn möglich, noch eine Spur eisiger.
"Wir haben einen Raum für Sie vorbereitet, in dem Sie Ihre Ruhe haben werden. Die Falldaten sind bereits zusammengestellt, und die Akten, die Sie sonst noch benötigen, fordern Sie dann bitte an."
"Oh, gut. Wo ist..." suchend blickte sich Mrs Balastos um.
"Nicht hier, Mrs Balastos, aber eine meiner Leute, Miss Backus, wird Sie umgehend hinführen. Haben Sie sonst im Moment noch Fragen?"
"Nein, das ist gut. Ich benötige die Akten...doch es kann sein, daß ich Rückfragen habe, an einzelne Personen, die mit dem Fall zu tun ..." wieder lies sie das Satzende ungesagt.
Malone, gewohnt, präzise Antworten zu erhalten, lag es auf der Zunge zu sagen: 'Seien sie nicht unverschämt und beenden Sie ihre Sätze, bitte!' aber unter Aufbietung seiner ganzen, nicht unbeträchtlichen Selbstbeherrschung brachte er es fertig, sich zurückzuhalten.
"...Ehm, ja" antwortete er stattdessen.
* * *
Das war wieder einmal so ein Prüfauftrag. CI5... Den gab es schon länger, seit Mitte der 70er. Jetzt war er international...mit all den Problemen, die das bezüglich der Finanzierung und Kontrolle mit sich brachte... Welche Buchhaltungsregeln befolgten sie? Wer verwaltete das Budget? Abgrenzungen? Das waren die Dinge, die Winnie durch den Kopf gingen, als sie in den kleinen, ruhigen Raum gebracht wurde. Ihre Aufgabe war nicht immer nicht leicht, und ihre Arbeit wurde kaum je gewürdigt. Sie seufzte.
Tina Backus, die nicht wußte, wie sie sich gegenüber dieser schwer lesbaren Person verhalten sollte, lächelte nichtssagend. "Hier sind die Akten, Mrs Balastos. Wenn Sie noch etwas brauchen..."
"...Wie? Oh, nein nein..."
"Gut." Tina verweilte unschlüssig ein klein wenig länger und verließ dann schließlich den Raum.
Mrs Balastos betrachtete den Stuhl, staubte ihn mit der Hand erst ab, und ließ sich dann nieder. Sie öffnete ihre Aktentasche, und entnahm nacheinander ihre Stifte, einen großen Schreibblock und einen Taschenrechner. Alles wurde ordentlich auf dem Tisch plaziert, dann begann sie mit dem Aktenstudium. Nach einiger Zeit begann sie, sich Notizen zu machen. Sie runzelte zuweilen die Stirn, schüttelte den Kopf, und begann, bestimmte Seiten in den Akten zu markieren. Das war schon alles etwas wild, was sie hier las. Da würde Herr Malone die eine oder andere Frage beantworten müssen...
Auszug aus einem Beschwerdeschreiben an den "Minister", London:
"...möchte ich insbesondere darauf hinweisen, daß Superintendent Leonard und Sergeant Rogers nicht nur massiv in der Ausübung Ihrer Dienstpflicht behindert wurden, sondern das auch noch meine Dienststelle budgetüberschreitende Kosten tragen soll, die keinesfalls von uns verursacht wurden. Meine Dienststelle war alleinig, und ich betone ausdrücklich, alleinig beauftragt, die Sicherungsmaßnahmen für das geheime Mittagessen hochrangiger politischer Vertreter aus den USA, Frankreich, Deutschland usw. in Wolston House durchzuführen. Keine andere Dienststelle, auch nicht der CI5 waren aus Sicherheitsgründen über dieses Treffen informiert worden.
Der CI5 unter Leitung von Commander Harry Malone hat sich eigenmächtig und ohne Rückendeckung in unsere Aufgaben eingemischt. So haben sich beispielsweise die beiden CI5-Agenten Curtis, Sam und Keel, Chris zu "Lyle's Catering" begeben, die die Bewirtung anläßlich oben genannter Zusammenkunft übernommen hatte. Superintendent Leonard, einer meiner fähigsten Leute, war gerade dabei, die Sicherungsüberprüfung durchzuführen, als er in unverschämter und unhöflicher Art und Weise von den beiden o.g. Agenten gestört wurde. Hierdurch wurde auch die absolute Geheimhaltung des o.g. Mittagessens extrem gefährdet. Die folgenden Ereignisse in Wolston Haus, bei denen ein Speisesaal und die Fensterfront davor massiv beschädigt wurde, gehen eindeutig zu Lasten des CI5..."
* * *
"Und Backup? Was haben wir zu erwarten?" Curtis, der, ebenso wie seine anderen Kollegen, nur darauf gewartet hatte, das Tina zurückkam, blickte sie fragend an.
Backup zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht... sie sieht so aus, als könnte sie nicht bis drei zählen..." Chris begann zu grinsen. "...Aber von Malone weiß ich, daß ziemlich viel von dieser Überprüfung abhängt. Sie kann uns, wenn sie will ganz schön Schwierigkeiten machen"
"Und warum das?" Sam hatte eine seiner schwarzen dichten Augenbrauen, die in so markantem Gegensatz zu seinen klaren, hellgrauen Augen standen, hochgezogen. "Ohne uns wären einige internationale Regierungen jetzt ganz schön sauer."
"...und mehrere hohe Tiere tot oder schwer verletzt," fügte Chris, wieder ernst geworden, hinzu.
Wieder ein Achselzucken von Tina. "Irgendwelche Budgetverhandlungen für nächstes Jahr stehen an, ich glaube, von der EU, und es gibt Opposition. Unser letzter Fall hat ziemliches Aufsehen erregt und manche wollen den CI5 gern loshaben. Es geht um unsere Finanzierung, sie ist gefährdet."
Chris hob die Augen gen Himmel. "Klasse. Typisch. Aber Malone, so ein altes Ekel er ist..."
"...kann auch nicht alles bewirken, Mr Keel." vollendete Malone, der unbemerkt aus seinem Büro getreten war, den Satz. Der vernichtende Ton, in dem er dies sagte, ließ Keel zur Salzsäule erstarren. Im Raum war es still geworden, nur das ewige Summen der Computer war zu hören. "Deshalb möchte ich, daß Sie alle Fragen, die Mrs Balastos unter Umständen an sie hat, präzise beantworten... und nun sagen sie, haben sie eigentlich keine Arbeit?"
"Doch, Sir" murmelte Keel und begab sich schleunigst, ebenso wie die anderen Agenten, zurück an seinen Arbeitsplatz. Malone schleuderte einen letzten blitzartigen Blick in seine Richtung und begab sich zurück in sein Büro.
Auszug aus einer vertraulichen Notiz in der Personalakte von Agent Chris Keel, Nationalität: amerikanisch, vormals Navy S.E.A.L.S, USA, Alter: 28 Jahre:
"...CK kann für die Aufgabe eingeschränkt empfohlen werden. Er verlor vor ein paar Jahren anläßlich seiner Hochzeit durch Gewalteinwirkung von außen seine gesamte Familie. Insbesondere hat ihn der Tod seiner Frau, Teresa, getroffen, auch wenn er dies auf Befragung stets verneinte. Es wird von regelmäßig wiederkehrenden Alpträumen berichtet. Außerdem besitzt er ein aufbrausendes Naturell. Da die erste Regel des CI5 lautet: 'Keine persönlichen Emotionen im Dienst' ist K. möglicherweise insofern nicht geeignet. Andererseits hat er alle Kurse mit Auszeichnung bestanden und sich außerordentlich gut in der Praxis bewährt. Insbesondere ist seine hohe Loyalität gegenüber seinen Kameraden hervorzuheben..."
handschriftliche Anmerkung, Kennzeichnung hm: "beachten! Evtl. als Partner: Sam Curtis, 29 Jahre, brit., gilt als sehr kühl, in Gefahrensituationen vorsichtig und umsichtig... ungeklärter Hintergrund, warum MI6 verlassen? "
Zwei Tage waren vergangen. Allmählich hatte sich überall herumgesprochen, daß der CI5 gefährdet war und die Stimmung im Headquarter konnte nur als gedrückt bezeichnet werden. Die Prüferin war, wie eine leicht schusselige Nemesis, immer wieder einmal aus ihrem Raum gekommen, hatte Akten angefordert oder das eine oder andere gefragt. Nun schien sie fertig zu sein, eben hatte Malone bekanntgegeben, das die Dame eine Schlußbesprechung wünsche, durchzuführen in 10 Minuten, exakt, bei der auch die ausführenden Agenten des in Frage stehenden Falls zugegen sein sollten. Dies betraf die Agenten Keel, Curtis, Backus und Spencer.
"Hey, was denkst du?" Curtis, der langsam seine dunkelbraune Lederjacke überzog, wandte sich Chris Keel zu, der eben dabei war, seine Dienstwaffe in das Schulterhalfter zu stecken.
"Was willst Du eigentlich mit deiner Waffe bei der Besprechung?"
"Nie ohne Waffe, wenn du dem Feind gegenübertrittst, Curtis" erwiderte Chris, während zwei Grübchen auf seinen Wangen erschienen. Curtis verzog den Mund zu einem ironischen Grinsen. Diesen Feind würden sie nicht mit ihren üblichen Mitteln bekämpfen können. Ihre ganze, hervorragende Kampfausbildung nützte hier nichts. Doch er wußte, sie hatten gute Arbeit geleistet, sie waren schließlich "die Besten", und die Welt kam nicht ohne sie aus. Wer würde sie retten, wenn es den CI5 nicht mehr gab? Es blieb nur zu hoffen, das diese Buchhaltungstante das auch erkannte!
* * *
Die CI5-Leute waren in Malones Büro vollzählig versammelt und schließlich kam auch die Prüferin, so grau und so unbestimmt wie immer, in den Raum. Es herrschte gespannte Stille, als sie Platz nahm und ihren Schreibblock vor sich hin legte.
"Also..." sagte sie "...es ist so..." sie sah auf ihren Block: "...in der Summe...komme ich auf genau... 201.512,15 britische Pfund an ungeklärten Kosten." Ernst blickte sie auf die Wand knapp rechts hinter Malones Kopf.
"Ungeklärt?" fragte der Controller mit unheilschwangerer Stimme "welchen Teil nennen sie ungeklärt?"
"Ja, das will ich eben... das ist der Anlaß..."
Malone schloß kurz die Augen. Wenn sie nur endlich zum Punkt kommen würde. Winnie war zurückgekommen zu ihrer Aufstellung, und diese schien ihr die notwendige Sicherheit zu geben, fortzufahren:
"...Item 1: 1 Lokomotive amerikanischer Herkunft, stark beschädigt an der Vorderseite, sowie: Item 2: Reparatur einer kompletten Hangar-Glaswand in Los Angeles, Kosten an den CI5 weiterberechnet.. durch: FBI, USA"
"Oh, das" Keel, dessen lebhaftes Naturell durchbrach, hatte geantwortet. "Das hatte gar nichts mit dem Fall der bulgarischen Terroristen zu tun. Das war eine Geiselnahme, Carson, die Tochter des Senators Carson. Wir befreiten sie. Der FBI hat den Fall übernommen..."
"Oh... übernommen? Das ist dann ja anders..."
Chris fuhr fort: "Und wenn sie meinen..." Sam brachte seinen Partner durch einen wohlgezielten unauffälligen Knuffer in die Seite zum Schweigen. Vielsagend blickte er auf den ominösen Block, auf dem die Prüferin jetzt die erste Position mit einem roten Stift durchstrich und einen Vermerk anbrachte.
"...dann ist ja, bei Übernahme des Falles, ist die übernehmende Dienststelle..."
"Gut." warf Malone ein. "Was weiter?"
"...Item 2: Rechnung Krankenhaus...London, ...Tür ersetzt, diverse beschädigte Kleinteile..."
Nun war Curtis derjenige, der sprach: "Die Tür, Mrs Balastos, wurde durch Maschinenpistolen-Feuer durchlöchert. Mein Partner und ich standen, als das passierte, hinter dieser Tür. Wir bewachten in dem Krankenzimmer unseren in Bulgarien schwer verletzten Kollegen..." seine Stimme wurde ausdruckslos "...Tom Perry hieß er. Er starb während dieses Überfalls auf ihn." Eine kurze Pause. "Perry war derjenige, der den ersten Hinweis auf die Absichten der bulgarischen Terroristen brachte. Der auf ihn im Krankenhaus angesetzte Killer war mit Angeldust gedopt. Wir, das heißt, mein Kollege Keel und ich, konnten ihn nur durch den Einsatz unserer Pistolen unschädlich machen!"
"...verstehe ich richtig...also dieser Mr Perry... er wurde im Dienst verletzt..."
Curtis blickte unsicher auf Malone. Dieser nickte, und so antwortete Curtis erneut: "Ja."
"...ah...war das...das hängt zusammen...da war ein Hubschraubereinsatz in Bulgarien...Diensteinsatz...."
"Das war unser Chef, Mr Malone. Er hat persönlich Perry dort herausgeholt, als er die Terroristen belauschte und dabei entdeckt und angeschossen wurde..."
"...ja. das verstehe ich jetzt...das ist ja dann ein Diensteinsatz nach § 7...b, denke ich...wenn daraus eine weitere Dienstmaßnahme resultiert...Bewachung einer stark gefährdeten Person... ist das... Also." zum ersten Mal wurde sie präzise: "Also dann ist die Krankenhaus-Rechnung falsch verbucht, Mr Malone!" Ihre ganze Person drückte jetzt starke Indignation aus.
"Oh, das ehm, das tut mir leid..." Malone fand irgendwie den Rest des Satzes nicht mehr.
"Nun gut. Aber das erklärt noch nicht.... hier, eine Kostenaufstellung der Metropolitan Police,... ein Dienstwagen, komplett zu ersetzen, Weigerung der Kostentragung für Reparaturen an der Außenfront und dem Speisesaal Landsitz...."
"Oh, das" antwortete Backus. "Das mit dem Auto geschah, weil die Met sich zwischen das vermutliche Fluchtfahrzeug der Terroristen und das verfolgende CI5-Fahrzeug setzte. Das war nach dem Überfall im Krankenhaus. Und der Schaden an der Hausfront resultierte nur daraus, das die Met, die die Sicherungsmaßnahmen durchzuführen hatte, nicht sorgfältig genug gearbeitet hatte und die Bombenleger es so geschafft hatten, die Bombe in den Speisesaal zu bringen."
"Nun, wenn das so ist...aber ich verstehe nicht...dann ist das die Sache...nicht der CI5..."
Spencer warf ein "Der CI5 war schon dabei, Mrs Balastos, die Agenten Curtis und Keel entdeckten im letzten Moment die Bombe, die im Kaffee-Trolley versteckt und schon scharf war, und konnten sie nur noch durch die Verandatür nach außen schieben - wo sie dann explodiert ist..."
"...Interessant...ja..."
Wieder herrschte Schweigen, das schließlich von Harry Malone gebrochen wurde.
"Haben sie dann noch weitere Fragen, Mrs Balastos?"
"...Ich? Oh... ja... nein. Nein, das ist dann alles... doch. Also, mein Bericht...sie haben Anspruch auf Vorlage...das kann ich jetzt fertigmachen...sie haben ihn dann...eine Stunde."
"Oh, gut, gut. Dann können wir die Besprechung beenden? Ja? Gut. Mrs Backus, Mr Curtis, Mr Keel, Mr Spencer. Danke!"
"...Entschuldigung... Mr Malone..."
"Ja?"
"...ich vergaß...ihr Archiv...sie haben ein Archiv?"
"Ja, natürlich. Hier im Haus. Zurückgehend bis zu den Anfängen der Organisation Mitte der 70er."
"...sehr schön...ich müßte nämlich...etwas nachprüfen..."
"Selbstverständlich. Miss Backus? Würden sie das bitte übernehmen?"
"Ja, Sir"
* * *
Alleingelassen im Archiv, ging Winnie die Reihen ab, bis sie am Ende angekommen war. Nach einigem Suchen schien sie gefunden zu haben, was sie benötigte. Sie schlug den alten Aktenordner auf, und las einige Zeit. Besonders lange verblieb sie auf einer Seite, die auch ein Foto enthielt, es zeigte einen Mann in den Fünfzigern, mit rotem Haar, der seinen Mund zu einem leichten Lächeln verzogen hatte. Sie fuhr mit dem Zeigefinger vorsichtig über das Bild, lächelte aufmunternd zurück, und klappte dann entschlossen den Ordner zu. Ja, die Vergangenheit...die Gegenwart wurzelte in ihr, auch wenn das nicht immer offensichtlich war, dachte sie. Gut, das sie hier fertig war. Sie wollte gern zurück, nach Brüssel, wo sehr viel mehr Arbeit auf sie wartete...
* * *
Malone schlug die letzte Seite des Prüfberichts auf und überflog die Schlußbemerkungen. Seine Augen wurden groß. Er blätterte eine Seite zurück, und las noch einmal genauer, was hier stand. Schließlich begann er zu schmunzeln. Nunja, er hatte es sich ja gleich gedacht, das bei dieser Prüfung nichts herauskommen würde. Der Bericht von Mrs Balastos war erstaunlich genau und klar geschrieben. Das hätte er nicht von ihr gedacht, aber man wußte ja nie, mit wem man es wirklich zu tun hatte! Die Prüferin jedenfalls stellte sich nachträglich als positive Überraschung heraus!
Auszug aus dem Prüfbericht, Fall-Kontrolle "Der Bombenleger", bei: CI5, London:
"...konnten alle Unstimmigkeiten, auch bezüglich der buchhalterischen Behandlung verschiedener Vorgänge, geklärt werden. De facto ist nicht der CI5 der ursächliche Kostenträger in zwei fraglichen Fällen. In zwei weiteren zunächst unklaren Kostenpunkten konnten die Zuordnungen vorgenommen werden. In jedem Fall handelte es sich um durch eindeutig im Kompetenzbereich des CI5 liegende Vorkommnisse. Anzumerken ist, dass der CI5 in dem zu prüfenden, vorliegenden Fall zu 100 % erfolgreich war..."
* * *
An der Paßkontrolle des Flughafens musterte der Beamte streng das vor ihm liegende Dokument. "...Mrs Balastos...geborene Cowley?"
"...ja, ja, das bin ich..."
"Gut." Er klappte den Paß zu und gab ihn zurück.
Winnie nahm ihn entgegen, und legte ihn wieder in die Brieftasche. Dabei fiel ein getrocknetes Blütenblatt zu Boden. Sie hob es auf und ein zarter Duft nach Rosen schien plötzlich in der Luft zu liegen.
Nicht jeder ist an der gleichen Front, dachte sie, aber...ja... ein Profi ist und bleibt ein Profi, wie Onkel George immer sagte, ...und seine Aufgabe ist es, ganz gleich, wo er steht, dafür zu sorgen, daß der Duft nach Rosen, so schwach er auch sein mag, nie vergeht... Ein engelsgleiches Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Blütenblatt sorgsam wieder in die Brieftasche legte und sich dann entschlossen zum Gehen wendete.
rg 2000-10-04
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