Die Figuren aus der TV-Serie "Die Profis" gehören deren derzeitigen Rechte-Inhabern. Da diese Story nur zu meinem eigenen Vergnügen - und dem des geneigten Lesers - geschrieben wurde, habe ich mir erlaubt, die Jungs auszuleihen, und gehe davon aus, dass dies keine Verletzung nationalen oder internationalen Copyright-Rechts darstellt.

Vielen Dank an Susi und Renate für ihre Unterstützung und Hilfestellung.

 

 

Warum nur?



Bodie und Doyle sitzen in ihrem Büro, jeder einen Stapel Akten vor bzw. neben sich. Doyle blickt verloren aus dem Fenster, während Bodie mit einem Bleistift Kreise und Linien auf seinem Notizblock zieht. Keiner der Beiden scheint sich auf die Arbeit konzentrieren zu können.

„Diese verdammten Akten. Jetzt sitzen wir schon fast die ganze Woche über diesem Papierkram. Was haben wir nur getan, dass uns der Alte so schmoren lässt? Selbst eine langweilige Observation würde ich dem hier vorziehen." brummt Bodie.

„Na, vielleicht ist der Alte immer noch sauer, dass Du letzte Woche seinen geliebten Granada zu Schrott gefahren hast und will uns nun zeigen, dass es auch Arbeit für uns gibt, bei der Du kein Unheil anrichten kannst."

„Also bin wieder ich an allem Schuld?"

„Wer denn sonst, Bodie?" grinst Doyle. „Was machen wir heute mittag?"

„Ah, ja, das klingt schon besser. Wie spät ist es? Oh, erst 11.00 Uhr. Meinem Hunger zufolge ist es bereits viel später."

„Wollen wir mal den neuen Italiener um die Ecke ausprobieren? Bei Spaghetti kann man eigentlich nie viel verkehrt machen."

„Ja, das ist eine gute Idee, Ray."

Von dem Gedanken an ein gutes Mittagessen aufgeheitert, wendet sich Bodie seinen Akten zu. Auch Doyle versucht wieder krampfhaft, etwas Positives aus seinem Aktenstudium zu gewinnen.

Gerade als sie zum Mittagessen gehen wollen, kommt Betty herein. „Cowley möchte Euch Beide sofort in seinem Büro sehen."

„Aber wir wollten gerade Essen gehen!" platzt Bodie heraus.

„Tut mir leid, Bodie, er sagte sofort!"

„Mist! Na dann ..." Bodie resigniert.

Als Bodie und Doyle Cowleys Büro betreten, blickt dieser kurz von einer Akte auf. Auf seinem Schreibtisch liegen einige Fotos junger, hübscher Mädchen herum. „Setzen Sie sich, meine Herren.

Bodie und Doyle werfen sich einen verwunderten Blick zu und nehmen auf den Stühlen gegenüber Cowley Platz.

„Doyle, ich habe einen Auftrag für Sie. Es wird nicht ganz einfach und ungefährlich sein ..."

Bevor Cowley weiterreden kann, platzt Bodie dazwischen. „Und ich?"

Unbeeindruckt von Bodies Einwurf deutet Cowley auf die Fotos der jungen Mädchen. „Es geht um Menschenhandel, genauer gesagt um Einschleusung junger Mädchen aus Ostblockstaaten, die hier zur Prostitution gezwungen werden."

„Aber das ist doch eine Polizeiangelegenheit, Sir?" Doyle ist irritiert.

„Ich, wir wurden gebeten, den Fall zu übernehmen. Es hat Probleme gegeben."

„Ach, und jetzt soll Doyle die Kastanien aus dem Feuer holen, oder was?"

„Bodie, beherrschen Sie sich. - Ja, aber so in etwa ist es. Der Yard hatte einen Mann in die Gruppe eingeschleust, aber seine Tarnung ist aufgeflogen und jetzt, na ja. Sie, Doyle, sollen nun versuchen, Kontakt mit diesen Leuten aufzunehmen und sich als potentieller Abnehmer junger Mädchen ausgeben. Sie sind auf der Suche nach sehr jungen Mädchen, nach Möglichkeit blonden Mädchen, für Ihre zahlungskräftigen arabischen Freunde. Ich will Ihnen nicht verschweigen, wie heikel und gefährlich der Job sein kann. Die Leute sind skrupellos. Sie sind ganz auf sich alleine gestellt. - Sie haben noch Kontakte zu Arabern?"

‚Leila', schießt es Doyle durch den Kopf. „Meine italienischen Kontakte sind zwar besser, ja, aber ich habe noch Kontakte zu einigen Saudis."

Doyle betrachtet die Fotos der jungen Mädchen genauer. Unschuldige Gesichter von beinahe noch Kindern blicken ihm entgegen. „Diese Schweine!"

„Aber Sie können doch Doyle nicht so einfach alleine losschicken. Das ist doch viel zu gefährlich. Sie werden doch eine Falle riechen, wenn so kurz danach wieder ein Unbekannter auftaucht und versucht, Kontakte zu knüpfen." Bodie ist bei dem Gedanken, dass Doyle alleine arbeitet, ohne ihn als Rückdeckung zu haben, nicht wohl.

„Sie werden mit ihm regelmäßigen Kontakt pflegen, aber sich im Hintergrund halten. Keine direkte Kontaktaufnahme. Man darf Sie in der Öffentlichkeit nicht zusammen sehen. - Hier sind die Akten, gehen Sie sie gemeinsam durch. Sollten Sie noch Fragen haben, dann ..." Für Cowley ist die Sache erledigt.

Bodie will noch mal seine Bedenken äußern, doch Doyle schiebt ihn aus Cowleys Büro.

„Lass uns jetzt Essen gehen, Bodie."

„Nein, danke, mir ist der Appetit vergangen. - Aber, wenn ich genauer nachdenke, so eine doppelte Portion Spaghetti Bolognese wäre doch nicht so schlecht."

„Ich hätte Dich zu Dr. Ross geschickt, wenn Du das jetzt ernst gemeint hättest. Du und keinen Hunger haben, das wäre ja was ganz Neues."

Lachend verlassen sie HQ.

***

 

Doyle arbeitet bereits seit 3 Wochen solo - undercover - und versucht, Kontakte aufzubauen. Es erwies sich nicht als einfach, aber er ist mit einem Mann namens Fredderick in Kontakt gekommen. Allerdings kann Doyle noch nicht einschätzen, in welcher „Position" der Mann in der Organisation tätig ist. Seine Geschichte, er sei auf der Suche nach jungen Mädchen für seine arabischen Freunde, scheint soweit gekauft worden zu sein.

Er hält regelmäßigen Kontakt mit Bodie. Ihre Treffen finden immer am gleichen Ort zu einer fest verabredeten Zeit statt und Beide sind extrem vorsichtig und bemüht, etwaige Verfolger auszuschließen. Bodie wurde von Cowley zur Aktenbearbeitung verdonnert, um parat zu sein, wenn Doyle Probleme haben sollte.
Doyle genießt seinen Job, denn abgesehen von dem Ekel, den er für diese Leute empfindet, hat er viel freie Zeit, die er zu Dingen nutzt, die er sonst nicht tun könnte. Neben den ausgiebigen Besuchen von Cafés und Teestuben, in denen hauptsächlich Araber verkehren, nutzt er seine Zeit zum Lesen und besucht endlich auch einmal einige der vielen Kunstmuseen, die London zu bieten hat. Selbst die Wallace-Collection hat er bereits besucht. Sein Job konzentriert sich hauptsächlich auf die Abendstunden.

Auch geht er nun einer seiner weiteren Leidenschaften, dem Kochen, nach. Endlich hat er auch Zeit, ausgiebig einkaufen zu gehen. So auch an diesem Nachmittag. Doyle steht vor dem Nudelregal und scheint zu überlegen, ob er lieber die eine oder die andere Marke ausprobieren soll. Da spricht ihn die Frau neben ihm an; auch sie scheint von der Nudelauswahl gefangen zu sein.

„Kocht man Vollkornspaghetti genau wie die anderen?"

Doyle blickt auf. "Ann!" Vor lauter Schreck fallen ihm fast die Nudeln aus der Hand.

„Ray, mein Gott, Ray, Du bist es wirklich!"

„Was machst Du denn hier, Ann? Ich dachte, Du bist in New York."

„Ich bin seit 4 Wochen zurück. Mein Vertrag ist ausgelaufen und ich wollte nicht mehr verlängern. Es ist schön, wieder in London zu sein."

„Ah, und wie ich sehe, hast Du zwischenzeitlich gelernt, einzukaufen und auch zu kochen?" Ray kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Noch genau erinnert er sich an den Tag, an dem Ann zum ersten Mal alleine zum Einkaufen gehen sollte und auf ihrem Einkaufszettel die Bananen vergessen hatte. Aber auch ein düsterer Gedanken an diesen Tag kommt ihm in Erinnerung - er wurde von Ann dabei ertappt, wie er ihre Briefe durchgeschaut hat, als sie unerwartet wieder zurückkam, weil sie ihr Portemonnaie vergessen hatte.

„Ja, ein bißchen kochen habe ich drüben gelernt. Auch wenn die Lebensmittelpalette in den Staaten doch ganz anders ist. Aber zumindest Spaghetti kochen kann ich jetzt!" lacht Ann. „Darf ich Dich zu Spaghetti á la Ann einladen?"

Ungläubig schaut Doyle Ann an. Hat sie ihm verziehen, oder nur vergessen? Soll er es wagen? Jetzt wo er den Undercover-Job hat, kann er es riskieren, sich mit einer „alten" Freundin zu verabreden? Gefährdet er damit seine Tarnung? Oder ...?

„Okay, warum nicht, Ann, dann kannst Du mir von den Staaten erzählen."

„Wann? Heute abend?"

„Nein, tut mir leid, heute Abend kann ich nicht. Da habe ich schon eine Verabredung."

"Oh" ist alles, was Ann hervorbringt.

‚Wie kann ich auch erwarten, dass er immer noch solo ist. Er wird wohl kaum 1 ½ Jahre auf mich gewartet haben, wie naiv von mir, das zu glauben,' denkt sie sich. „Dann morgen Abend?"

„Ja, morgen Abend ist okay. Wann und wo?"

„Sagen wir gegen 19.00 Uhr bei mir." Ann gibt ihm ihre Karte.

„Fein, dann bis morgen, Ann, ich freue mich schon. Bist du mit dem Einkaufen schon fertig?" Ann nickt. „Okay, dann lass uns doch gemeinsam zur Kasse gehen."

Auf dem Parkplatz verabschieden sie sich voneinander und Doyle blickt ihrem Wagen hinterher.

‚Wenn das mal gut geht.' denkt er sich.


***


Am nächsten Vormittag trifft er, wie üblich, Bodie. Er informiert ihn über die neusten Entwicklungen. Ray ist sich sicher, dass sich in den nächsten Tagen etwas tun wird. Fredderick hatte so eine Andeutung gemacht, dass in den nächsten Tagen „junge, saubere Ware" ankommt.

„Sag mal, Ray, was ist eigentlich los mit Dir, ist Dir der Job zu Kopf gestiegen?"

„Was meinst Du damit, Bodie?"

„Na, Du grinst heute wie ein kleiner Junge, der es kaum mehr bis zum Weihnachtsmorgen erwarten kann. Freust Du Dich etwa auch auf die „junge, saubere Ware"?"

„Bodie" stößt Doyle warnend hervor.

„Ja, schon gut, entschuldige. Aber jetzt raus mit der Sprache, was ist los? Vermisst Du mich? Unsere gemeinsamen Abende im Pub zusammen mit ein paar netten Mädels ..."

„Vielleicht ..."

„Aber?" Bodie lässt nicht locker.

„Ich habe heute Abend eine Verabredung." zögernd gibt Ray diese Tatsache zu. „Mit Ann!"

„Was, mit Ann? Warte mal, das war doch die Rothaarige, die Du heiraten wolltest und die Dir das Herz gebrochen hat?" Bodie schüttelt ungläubig den Kopf.

„Richtig, ich habe sie gestern getroffen und wir haben uns für heute Abend verabredet. Bei ihr - sie kocht."

„Aber ich dachte, sie kann gar nicht kochen ..."

„Dinge ändern sich eben, Bodie."

„Und Du bist sicher, dass Du diese Affäre wieder aufwärmen willst? Also ich an Deiner Stelle ..."

„Aber Du bist nicht an meiner Stelle, sorry, Bodie."

„Ja, schon gut, und hinterher darf ich wieder die Scherben aufklauben", murmelt Bodie.

„Was hast Du gesagt?"

„Ach, nichts, dann viel Vergnügen, und wenn es Probleme gibt, Du weißt, wie Du mich erreichen kannst."

„Danke, mein Freund, aber das wird nicht nötig sein. Also dann bis morgen, wie üblich, Bodie."

Getrennt verlassen sie das Gebäude. Bodie scheint nicht sehr glücklich zu sein, dass Doyle Ann wieder getroffen hat. Noch zu genau erinnert er sich an die Szene vor dem HQ vor ca. 1 ½ Jahren, als Doyle wie ein begossener Pudel auf der Straße stand und dem Wagen von Ann hinterher blickte.


***


Pünktlich erscheint Doyle bei Ann. Auf das „sentimentale Gemüse", wie Bodie einst seine schönen Rosen, die er für Ann gekauft hatte, bezeichnete, hat er verzichtet. Anstatt dessen bringt er eine Flasche guten italienischen Rotwein mit.

Irgendwie kommt es Ray so vor, als ob es nie eine Trennung zwischen ihnen gegeben hätte, als ob sie nie Probleme, die seine Arbeit mit sich brachte, gehabt hätten und auch der Verdacht, dass Ann etwa in die Geschäfte ihres Vaters verwickelt hätte sein können, nicht existiert hat. Auch Ann scheint nicht an der Vergangenheit und an dem „Verrat", den Doyle begangen hat, zu denken. Sie geniesst dieses Abendessen anscheinend genauso wie Doyle.

Stolz präsentiert sie ihre Kochkünste und Doyle ist beeindruckt. Lobend äußert er sich hierzu.

Nach dem Essen nehmen sie Beide auf dem Sofa Platz.

„Du arbeitest nach wie vor für den CI5?"

„Ja", kommt die knappe Antwort von Doyle.

„Das hätte ich mir eigentlich denken können."

„Ann, lass uns von etwas anderem sprechen als von meiner Arbeit. Ich weiß, Du hast sie damals gehasst und sie hat uns viel Leid gebracht, aber es ist nun mal so, dass ich nach wie vor beim CI5 arbeite. Das ist das was ich kann und was mir ...." Doyle vollendet den Satz nur in Gedanken ‚Spaß macht'.

„Arbeitest Du immer noch mit Bodie zusammen?"

„Ja. - Aber nun zu Dir: Wie war New York?"

„Hektisch. Es ist eine faszinierende Stadt, Manhattan vor allem. Aber dort zu leben, das ist nichts für mich. Zu groß, zu schmutzig, zu viel Kriminalität, im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt. Mein Job dort war gut, aber hier kann ich das Gleiche machen. Aber sagen wir, es hat sich für mich schon gelohnt, ich habe jetzt eine wesentlich bessere Position in der Firma."

Der Abend vergeht wie im Fluge. Beide lachen viel, nachdem sie nun Themen fern ab von Doyles Job gefunden haben. Tunlichst wird allerdings vermieden, die Sprache auf die Vorkommnisse zwischen ihnen vor ihrer damaligen Trennung zu bringen.

„Willst Du noch Wein, Ray?"

„Ja, gerne, einen Schluck von dem Roten, der ist wirklich gut." Ray streckt ihr sein Glas entgegen, Ann gießt ein, ihre Augen auf Rays Augen fixiert.

„Hey, das reicht!"

„Oh, entschuldige Ray. Ach herr je, alles über Dein schönes Hemd. Schnell, zieh es aus, ich wasche den Fleck mit heißem Wasser raus, ansonsten kannst Du das Hemd wegwerfen."

„Ah, da spricht die erfahrene Hausfrau. Nein, lass nur, das ist nicht so schlimm." Doyle scheint der Gedanke, sein Hemd auszuziehen, und mit nacktem Oberkörper vor Ann zu sitzen, gar nicht recht zu sein.

„Stell Dich nicht so an," meint Ann nur, und beginnt, Doyles Hemd aufzuknöpfen.

Als er schließlich doch sein Hemd auszieht, starrt Ann wie gebannt auf seinen Rücken. Dort ist eine lange Narbe zu sehen. „Oh mein Gott, Ray, was ist da passiert?"

„Ach, nichts weiter ..."

„Das kannst Du erzählen, wem Du willst, mir nicht. Das sieht ja schrecklich aus." Doyle versucht, ihr sein Hemd wieder abzunehmen und es anzuziehen. „Nein, stopp, Ray, ich muss den Fleck noch rauswaschen."

Der Abend endet damit, dass Ray ihr von der Schießerei mit Mayli Kuolo erzählt. Ann ist schockiert. Aber gleichzeitig scheint diese Sache ihre Gefühle für Ray zu vertiefen.


***


In der darauffolgenden Woche verbringen die Beiden viel Zeit miteinander. Ann hat noch Urlaub und Ray kann aufgrund seines Undercover-Jobs sich seine Zeit relativ frei einteilen. Die alte Liebe scheint zwischen den Beiden wieder ernsthaft entflammt zu sein, auch wenn Ann ihm klar gemacht hatte, dass sie die Sache von damals zwar zwischenzeitlich versteht, aber sein Handeln immer noch nicht akzeptieren kann. Zu sehr belastet sie der Vertrauensbruch, den Doyle ihrer Meinung nach an ihr begangen hat.

Auch Doyle versucht, sich mit seinen Gefühlen Ann gegenüber zurückzuhalten. Er will nicht den gleichen Fehler wie damals begehen und sich Hals über Kopf erneut in die Sache verrennen. Trotzdem muss er sich eingestehen, dass seine Gefühle zu Ann wieder so stark wie damals sind.

Schließlich lädt Doyle Ann in ein relativ teures arabisches Restaurant mit dem Namen „Alladdin" ein.

„Hast Du eine Gehaltserhöhung bekommen?" scherzt Ann.

Beide sind bester Laune. „Nein", lacht Doyle zurück, „das geht alles auf Spesen"

„Bist Du denn jetzt im Dienst?" fragt Ann verwundert.

„Eigentlich nicht. Komm, lass uns das Essen aussuchen. Wie gut ist Dein Arabisch?"

„Nicht so gut wie mein Chinesisch", feixt Ann zurück.

Es ist ein wirklich schönes Restaurant, mit einer sehr gemütlichen Atmosphäre und gedämpfter Musik. Sie unterhalten sich angeregt und wechseln von einem Thema zum anderen. Das Essen war vorzüglich und nun genießen sie ihren Wein.

Da betritt ein Mann mit einer sehr attraktiven Blondine das Restaurant. ‚Verdammt, muss der heute auch ausgerechnet hierher kommen!? Hoffentlich sieht er mich nicht' denkt sich Doyle.

Aber schon steuert der Mann auf Ann und Doyle zu. „Hallo Ray, heute in so hübscher weiblicher Begleitung?"

„Hallo Fredderick, was führt Dich hierher?"

„Ach, Du hast letztens so geschwärmt von der arabischen Küche, dass ich es selbst einmal ausprobieren will. Und Bea hier ist ganz versessen auf Exotisches."

‚Wohl eher auf Erotisches' schießt es Doyle durch den Kopf.

„Dürfen wir uns zu Euch setzen?"

„Ja, warum nicht. Es freut mich, Freunde von Ray kennenzulernen." kommt Ann ihm zuvor. Wenn es nach Doyle gegangen wäre, hätte er Fredderick gesagt, dass sie eigentlich gerade zahlen wollten und noch eine andere Verabredung hätten.

Gegenseitig stellen sie einander vor. Doyle versucht, die Unterhaltung auf oberflächlichem Niveau zu halten und das Thema Arbeit zu vermeiden. Irgendwie gelingt ihm das auch.

„Darf ich mich für einen Moment entschuldigen, meine Herren?" Ann steht auf und geht Richtung Toilette. Auch Bea entschuldigt sich und folgt Ann.

„Dass die Frauen immer gemeinsam auf die Toilette gehen müssen." Fredderick schüttelt den Kopf. „Na, Ray, ich glaube, Deine Geduld hat sich gelohnt. Morgen kann ich Dir Genaueres sagen. Treffen wir uns gegen 17.00 Uhr im „Tantries".

„Gut, ich kenne einige Leute, die es kaum mehr erwarten können," lautet Doyles zweideutige Antwort.

Ann nützt auf der Toilette die Gelegenheit, Bea zu fragen, ob sie Ray schon länger kennt. Bea erwidert, dass ‚Freddy' wohl mit Ray zusammenarbeiten würde.

„Ach, dann ist Freddy auch beim CI5?" platzt Ann heraus.

Bea gibt keine Antwort, sie lächelt nur. Sie hat es jetzt plötzlich sehr eilig, an den Tisch zurückzukehren. Bea, die man nach ihrem Äußeren für ein „dummes Blondinchen" hätte halten können, flüstert Freddy die eben von Ann erhaltene Information ins Ohr und lacht danach schallend auf, als ob sie den Witz des Tages erzählt hätte. Auch Freddy, ganz ein Profi, gibt nicht zu erkennen, welch eine wichtige Information er so eben erhalten hatte.

„Entschuldigt mich bitte kurz, ich muss schnell mal telefonieren. Bea, bestellst Du für uns bitte noch eine Flasche Wein? Ihr habt doch noch Zeit, oder? Ann? Ray?"

Beide nicken.

Es ist kurz vor Mitternacht, als sie sich von Freddy und Bea verabschieden. Ray und Ann sind in ausgelassener Stimmung und nicht mehr ganz nüchtern. Sie haben doch das eine oder andere Glas Wein zu viel getrunken.

„Du, lass uns den Wagen hier stehen, ein paar Schritte gehen und nach einem Taxi Ausschau halten. Keiner von uns sollte jetzt noch Auto fahren." meint Ray, als er Ann galant in ihre Jacke hilft. Freddy registriert diese Aussage mit Genugtuung.

Sie verlassen das Restaurant. „Ah, die frische Luft tut gut." Tief atmet Ann ein.

„Ich hole nur noch schnell was aus dem Auto und dann gehen wir, okay, Ann?"


***


Keiner hat Bodie bemerkt, der sich, als Doyle und Ann das Restaurant verließen, hinter einem Baum versteckt hatte. Bodie wollte unauffällig Kontakt mit Doyle im Restaurant aufnehmen, da Cowley eine sehr beunruhigende Information erhalten hat, die auf schnellstem Wege an ihn weitergeleitet werden sollte. Von einem Informanten hatten sie den vagen Hinweis erhalten, dass soeben ein Killer auf einen CI5-Agenten angesetzt worden ist und der Auftrag noch diese Nacht erledigt werden sollte. Bodie wusste, wohin sein Partner Ann heute Abend ausführen wollte, und hoffte, noch rechtzeitig zu kommen. Zwar war nicht sicher, dass Doyle das „Opfer" sein sollte, aber Bodie und vor allem auch Cowley wollten kein Risiko eingehen. Doyle musste also umgehend informiert werden. Aber wie sich jetzt herausstellte, kam er einige Minuten zu spät; ihn auf offener Straße ansprechen, wollte er nicht riskieren. Er hätte unter Umständen damit Doyles Tarnung auffliegen lassen können.

Bodie sieht, wie Ann und Doyle auf den goldenen Capri zugehen. Doyle schließt die Beifahrertüre auf und in dem Moment, als er Ann an sich zieht, um sie zu küssen, fallen zwei Schüsse. Bodie reagiert blitzschnell, zieht seine Waffe und feuert in die Richtung, aus der er das Mündungsfeuer hat aufblitzen sehen. Mit schnellen Schritten, aber auf Deckung bedacht, spurtet er in diese Richtung. Er hat nicht die Zeit, zu sehen, wie Ray reagiert oder ob er getroffen wurde.

Der Killer scheint nicht mit Gegenwehr gerechnet zu haben. Zwar musste er wohl wissen, dass sein „Auftrag" bewaffnet ist, aber mit einem zweiten Schützen hatte er offensichtlich nicht gerechnet. Deshalb hatte er auch seine Deckung vernachlässigt. Bodies Schüsse hatten ihn überrascht und waren tödlich.

Nachdem sich Bodie vergewissert hatte, dass von dem Killer keine Gefahr mehr ausgeht, geht er auf den Wagen zu. Ein Klumpen scheint sich in seinem Magen zu bilden, Doyle kauert am Boden. ‚Ist er getroffen worden?' fragt sich Bodie. Erst beim Näherkommen erkennt Bodie, dass Doyle am Boden kniet und Ann in seinen Armen hält.

„Ray?"

„Sie ist tot, Bodie, sie ist tot." mit tränenerstickter Stimme flüstert Doyle diese Worte.

„Bist Du verletzt, Ray?" fragt Bodie besorgt. Überall ist Blut und Bodie kann nicht einschätzen, ob dies alles allein Anns Blut ist. Er zieht sein R/T aus der Jackentasche, gibt einen kurzen Bericht an HQ durch und ist beruhigt, als ihm mitgeteilt wird, dass alles Notwendige sofort veranlasst wird. Er ist sich nicht sicher, wie er sich Doyle gegenüber verhalten soll. ‚Ann tot - nein, das kann nicht sein! Es kann, darf doch nicht wahr sein, dass Ray Ann nun zum zweiten Mal verliert, und dieses Mal endgültig!' Die Gedanken rasen Bodie durch den Kopf. Stumm steht er da und beobachtet seinen Kollegen, seinen Partner und Freund, wie er mit tränenüberströmtem Gesicht den leblosen Körper von Ann in den Armen hält.

Er ist erleichtert, als wenige Minuten später Cowley eintrifft und gleich danach der Notarzt. Der Arzt kniet neben Doyle und Ann nieder, schaut gleich darauf zu Cowley auf und schüttelt den Kopf. Auch ohne Worte versteht Cowley.

Der Arzt ruft die beiden Sanitäter herbei, die mit einer Trage kommen. Nur widerwillig lässt Doyle Ann los und blickt teilnahmslos zu, wie sie ihren leblosen Körper auf die Trage legen. Er reagiert weder auf die sanften Worte des Arztes noch auf den Versuch eines der Sanitäters, ihn zum Ausstehen zu bewegen.

Cowley geht langsam auf Doyle zu und obwohl es ihm wegen seines Beines schwer fällt, kniet er neben ihm nieder. Sanft spricht er ihn an. „Doyle - , Ray, sind Sie in Ordnung? Sind Sie verletzt? Brauchen Sie einen Arzt?" Cowley spricht ihn jetzt mit seinem Vornamen an, in der Hoffnung, ihn damit besser zu erreichen.

Nur langsam scheinen die Worte seines Chefs zu Doyle durchzudringen. „Ann - sie ist ...!"

„Ray, können Sie aufstehen? Sind Sie verletzt?" fragt Cowley nochmals sanft.

„Ich, nein, ich bin in Ordnung. Ann ... sie ist ...! Oh, Gott, warum nur?"

„Kommen Sie, Ray, stehen Sie auf. Ich helfe Ihnen."

Fast muss Cowley Doyle schon in die Höhe ziehen. Er lehnt sich sofort am Wagen an und schlägt die Hände vor das Gesicht. Er scheint am ganzen Körper zu zittern.

„Bodie, bringen Sie ihn nach Hause und passen Sie heute Nacht auf ihn auf, dass er keine Dummheiten macht. Ich werde die Sache hier zu Ende bringen."

„Komm, Ray, ich fahre Dich nach Hause", leise spricht Bodie Doyle an. „Komm." Sanft legt er seinen Arm um Doyles Schulter; dieses Mal wehrt Ray ihn nicht ab, nicht so wie damals, als ... ‚Oh, verdammt, Ray, es tut mir so leid', aber Bodie ist nicht fähig, diese Gedanken an Doyle weiterzugeben. Er schiebt ihn mit sanfter Gewalt in Richtung seines Wagens. Doyle blickt auf und macht Anstalten, zum Krankenwagen zu gehen, in den man Anns Leiche gelegt hatte.

„Nicht, Ray. Komm, lass uns nach Hause fahren." Willenlos lässt sich Doyle jetzt zu Bodies Wagen führen.

Die Fahrt zu Doyles Wohnung verläuft schweigend. Doyle sitzt zusammengesunken auf dem Beifahrersitz. Es ist Bodie so, als ob er ab und zu ein Schluchzen vernehmen würde.

Doyle scheint seine Umgebung überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. „Ray, wir sind zu Hause. Komm, steig aus."

„Was?" Doyle scheint aus tiefen Gedanken gerissen worden zu sein. „Ja, ist schon gut. Du kannst jetzt heimfahren; ich komme schon alleine zurecht."

„Ja, ja, aber ich möchte Deine Gastfreundschaft heute Nacht doch ausnützen und auf Deiner komfortablen Couch schlafen." Bodie versucht den Ernst der Sache mit einem Scherz zu überspielen, aber Doyle scheint seine Worte bereits nicht mehr wahrgenommen zu haben.

In Rays Wohnung schenkt Bodie ihm noch ein großes Glas Whiskey ein und zwingt ihn fast, es auszutrinken. Dann schiebt er ihn Richtung Schlafzimmer. „Wenn Du was brauchst, Ray, ich schlafe hier auf der Couch, ja, okay?"

Ray schaut in nur mit großen Augen an und Bodie schließt die Schlafzimmertüre hinter ihm.


***

 

Bodie wälzt sich unruhig auf der Couch hin- und her. Er kann keinen Schlaf finden. Irgendwie macht er sich Vorwürfe. ‚Wäre ich doch nur schneller gefahren, hätte ich die Vorsicht außer Acht gelassen und Ray gleich auf dem Parkplatz angesprochen, ja hätte ich nur ....! - Verdammt, Bodie, eigentlich ist es doch immer Doyle, der diese Schuldgefühle hat.' Doch seine Gedanken kreisen die ganze Nacht hindurch: ‚hätte, ja wenn ... hätte ich nur, dann ... vielleicht ...'

Wie gerädert steht Bodie am Morgen auf und entdeckt sehr zu seinem Wohlgefallen, dass der Kühlschrank von Ray gefüllt ist und dass sich darin auch einige „cholesterin-haltige" Lebensmittel befinden, die sein Partner doch eigentlich immer abgelehnt, ja mit Abscheu vermieden hatte. ‚Wenn Liebe durch den Magen geht - oh, scheiße' jetzt erst wieder scheint ihm so richtig in den Sinn zu kommen, was heute Nacht tatsächlich passiert ist und warum er hier auf der Couch übernachtet hatte.

Bei dem Gedanken an seinen Partner ist ihm nicht wohl. Wie soll er auf ihn reagieren? Wie verkraftet Doyle Anns Tod?

Tief in Gedanken versunken sitzt er an Doyles Küchentisch und stochert lustlos in seinen Eiern mit Speck herum, die er sich kurz zuvor aus Heißhunger darauf gemacht hatte. Da kommt Doyle in die Küche, blass und mit tränenverquollenen Augen. Es scheint so, als ob er die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte.

„Na, hast Du meinen Kühlschrank geplündert, Bodie?" Bodie ist irritiert.

Doyle schenkt sich Kaffee ein. „Wie kannst Du nur all dieses Cholesterin essen? Denk mal daran, was Du Deiner Gesundheit antust. - Bist Du fertig? Fährst Du mich ins Büro, mein Wagen steht ja noch beim Alladdin."

Beinahe hätte sich Bodie an seinem letzten Bissen verschluckt. „Ray, ich glaube nicht, dass Du heute zur Arbeit gehen solltest."

„Warum nicht? Ich muss meinen Bericht schreiben. Der Alte wartet sicher schon darauf. Mein Job ist ja jetzt vorbei, nachdem meine Tarnung aufgeflogen ist. Mist, wir waren so dicht dran ...!"

Bodie glaubt seinen Ohren nicht zu trauen. Ist Ray ein so eiskalter Hund, dass er den Tod von Ann einfach so wegsteckt als ob nichts gewesen ist? Nein, das kann er nicht glauben, aber er kann aus Doyles Gesichtsausdruck nichts Konkretes entnehmen.


***


Im HQ angekommen, geht Ray in ihr gemeinsames Büro, während Bodie eine Entschuldigung murmelt und zu Cowley ins Büro geht.

„Guten Morgen, Bodie, wie geht es Doyle?"

„Guten Morgen, Sir, ich weiß es nicht. Er ist in seinem Büro und will seinen Bericht schreiben!"

„Was? Aber ...? Gut, Bodie, ich werde mich später um ihn kümmern."

Etwa drei Stunden später ruft Cowley Bodie und Doyle zu sich ins Büro.

„Doyle, können Sie mir schildern, was gestern Nacht geschehen ist?"

„Das steht alles in meinem Bericht, Sir", erwidert Doyle ruhig und reicht Cowley einen mehreren Seiten umfassenden Bericht. „Es tut mir leid, Sir, dass ich die Sache vermasselt habe, ich wußte nicht, dass ..."

„Doyle, Sie sollten sich ein paar Tage frei nehmen."

„Warum, Sir, es ist nicht die erste Tote, die ich gesehen habe!" erwidert Doyle, dieses Mal ist sein Ton jedoch äußert aggressiv. Nur mit Mühe scheint er seine Gefühle im Zaum halten zu können.

Cowley wirft Bodie einen verwunderten Blick zu, der jedoch zuckt nur mit den Schultern. Keiner der beiden Männer kann die Reaktion von Doyle nachvollziehen.

„Ich werde für Sie einen Termin bei Dr. Ross ausmachen. Halten Sie sich heute Nachmittag zur Verfügung." Cowley versucht, ruhig zu bleiben, zu deutlich ist ihm Doyles Anblick von dieser Nacht noch in Erinnerung. ‚Wenn ich nur wüßte, was in dem Jungen vorgeht.'

„Ist das Alles, Sir, kann ich jetzt wieder zurück in mein Büro gehen?"

Cowley nickt nur.


***


Am Nachmittag geht Cowley zu Bodie und Doyle in deren Büro.

„Doyle, ich habe mit Anns Vater gesprochen. Er will nicht zu der Beerdigung seiner Tochter Hafturlaub beantragen. Und nachdem Ann keine weiteren Verwandten hat, habe ich mir erlaubt, die Beerdigung zu arrangieren. Am Freitag, um 9.00 Uhr ist der Gedenkgottesdienst in der Friedhofskapelle und anschließend die Beisetzung." Besorgnis schwingt in Cowleys Stimme mit.

Bodie hält den Atem an. Wie wird Doyle reagieren?

Doch von Doyle kommt nur ein lapidares „Danke, Sir."

„Keine Ursache. Ach und Doyle, Dr. Ross möchte Sie morgen früh sehen." Cowley verlässt kopfschüttelnd das Büro. Er kann das Verhalten von Doyle nicht richtig einschätzen.


***


Am nächsten Tag lässt Doyle seinen Termin bei Dr. Ross platzen. Die Standpauke, die er dafür von Cowley erhält, lässt er mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Er zeigt keinerlei Gefühlsregung. Cowley beginnt, sich nun ernsthaft Sorgen um Doyles Gemütszustand zu machen und nimmt sich vor, unverzüglich mit Dr. Ross über dieses Verhalten zu sprechen. Doch ein plötzlicher Termin beim Minister verhindert, dass er dieses Vorhaben realisiert.


***


Am Tag der Beerdigung will Bodie Doyle von zu Hause abholen. Erst nach dem dritten Klingeln öffnet Doyle die Türe. Er ist sehr blass und scheint auch diese Nacht nicht geschlafen zu haben, die Augenringe heben sich deutlich von seinem blassen Gesicht ab.

„Du bist ja noch gar nicht fertig angezogen. Willst Du vielleicht in Jogginghosen zu Anns Beerdigung gehen?" Bodie ist verwirrt.

„Ich gehe nicht zur Beerdigung. Ich habe mich bereits von Ann verabschiedet. Ich brauche diese Zeremonie nicht, um Abschied von ihr zu nehmen. Das ist doch alles nur eine Farce. Bis später. Bodie, gibt acht, dass Du nicht zu spät kommst. Der Alte liebt das nicht!" Der Zynismus, der Doyles Worten zugrunde liegt, ist nicht zu überhören.

„Aber Ray ...."

Doyle schiebt Bodie in Richtung Eingangstüre. „Geh jetzt, Bodie!" zischt Ray.


***


Bodie hat keine Erklärung für Doyles eigenartiges Verhalten. ‚Schnappt er jetzt über? Oder hat ihm Ann doch nichts bedeutet? Hat er nur mit ihr gespielt und wollte Rache, weil sie ihn damals verlassen hatte? Wollte er dieses Mal ihre Gefühle in Wallung bringen, um sie dann wie ein Stück glühende Kohle fallen zu lassen?' Bodie kann sich kaum auf den Straßenverkehr konzentrieren und ist schon fast verwundert, dass er ohne einen Unfall zu bauen, am Friedhof angelangt.

Cowley tritt ihm entgegen. „Wo ist Doyle?"

„Er wollte nicht kommen. Meinte so etwas wie er hätte sich schon von Ann verabschiedet und er würde diese Zeremonie nicht brauchen. Ich verstehe ihn nicht mehr." Bodie schüttelt den Kopf.

In Gedanken versunken betreten beide Männer die kleine Kapelle. Außer ihnen sind nur mehr zwei Arbeitskollegen von Ann anwesend, eine Frau und ein Mann. Als sie nach der kurzen Messe den Sarg zum Grab geleiten, fängt es an, heftig zu regnen. Der Pfarrer beschränkt sich, vielleicht angesichts der kleinen Trauergemeinde von vier Personen oder vielleicht auch wegen des Regens, auf eine kurze Ansprache vor dem Grab, bevor die Sargträger den Sarg ins Grab hinunterlassen. Bodie ist betroffen, er hatte Ann sehr gemocht und sich vor allem für Ray gefreut, trotz seiner anfänglichen Bedenken, dass die beiden wieder zusammen gefunden hatten.

Der Regen wird immer stärker. Trotz des Regenschirmes beginnt Bodie eine feuchte Hose zu bekommen. Er begleitet aber Cowley noch zu seinem Wagen und verabschiedet sich von ihm.

„Bodie, schauen Sie noch bei Doyle vorbei, bevor Sie wieder ins HQ kommen."

„Ja, Sir, das hatte ich sowieso vor."

Bodie will gerade in seinen Wagen einsteigen, als er Doyles goldenen Capri, ein paar Wagen entfernt auf der anderen Straßenseite geparkt, erblickt. Es scheint niemand im Wagen zu sitzen. ‚Also muss er wohl auf dem Friedhof sein', denkt Bodie. Er zögert, ist sich nicht sicher, ob er nach Ray suchen oder ob er ihn lieber in seiner Trauer alleine lassen sollte. Er wartet ein paar Minuten, in der Hoffnung, dass Doyle vielleicht zu seinem Wagen zurückkehrt.

Schließlich entschließt er sich doch, nach Doyle zu schauen. Das Verhalten seines Partners seit Anns Tod ist mehr als merkwürdig. Angst keimt in Bodie auf. Angst um Doyle, Angst, dass er eine Dummheit begehen könnte.

Mit schnellen Schritten kehrt er auf den Friedhof zurück. Der Regen hat kaum nachgelassen und sein Regenschirm hält nur wenig ab. Er sieht Doyle vor Anns Grab stehen, mit zusammengezogenen Schultern und bereits total durchnässt. Da sieht er, wie Doyle auf seine Knie sinkt, etwas in der Hand haltend. Bodie kann nicht erkennen, was es ist. Panik steigt ihn ihm hoch: ‚was ist, wenn er ...' Bodie will diesen Gedanken nicht zu Ende denken und läuft auf ihn zu. „Ray, halt, nein!"

Doyle scheint nicht zu reagieren. Bodie fällt neben seinem Partner auf die Knie. Da sieht er, dass Doyle einen Bilderrahmen in Anns Grab gelegt hat. „Go placidly amid the noise and haste ...." Bodie erkennt, dass es das Gedicht ist, das Ray auf seinem Nachtisch stehen hatte - eine Inschrift eines Grabsteines in Baltimore. Doyle murmelt etwas vor sich hin, aber Bodie kann es nicht verstehen.

„Ray, bitte steh' auf. Du bist ja total durchnässt." Bodie ist sich nicht sicher, ob Doyle weint. Sind es Tränen, die sein Gesicht hinunter laufen oder nur der Regen oder beides?

„Ray, bitte. Komm!"

Doyle blickt auf. Bodie zerreißt es fast das Herz, als er den Ausdruck in Doyles Augen sieht. „Bodie ..." stammelt er. „Ich ..., Ann ...!!!"

Deutlich sieht Bodie die Szene vor dem Lokal vor sich: Ray mit Anns Blut überströmt. Und jetzt sieht er ihn total durchnässt am offenen Grab seiner erschossenen Freundin. Bodie schluckt, selbst für ihn ist es schwer, wie schwer muss es dann erst für Doyle sein?

Nur mit Mühe gelingt es Bodie, Doyle von Anns Grab zu seinem Auto zu schaffen. Doyle bleibt immer wieder stehen und blickt zu dem offenen Grab zurück. Seine Lippen scheinen Worte zu formen, aber Bodie kann nichts hören. Im Auto versucht Bodie, Doyle dazu zu bewegen, seine Jacke auszuziehen. Doyle scheint ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Bodie schaltet die Heizung seines Capris auf die höchste Stufe und legt in Rekordzeit den Weg zu Doyles Wohnung zurück.

Doyle zittert am ganzen Körper. Bodie ist sich jedoch nicht sicher, ob dies alleine von der durchnässten Kleidung und der Kälte kommt, oder ob es eine Schockreaktion ist.

In der Wohnung drängt Bodie Doyle zur Couch. Schwer lässt sich er auf die Couch sinken. „Ray, bitte zieh die nassen Sachen aus!"

Doyle reagiert nicht. Daher holt Bodie einige Decken aus Rays Schlafzimmer, zwingt ihn, sich hinzulegen und wickelt ihn in die Decken ein. Dann geht er in die Küche und stellt den Kessel mit Wasser auf den Herd.

Über Telefon ruft er im HQ an. „Hier 3.7. Ich muss sofort Alpha sprechen. Es ist dringend, Betty!"

„Hier Alpha, Bodie, was ist passiert?"

„Sir, ich bin hier in Doyles Wohnung. Doyle war doch auf dem Friedhof. Ich habe ihn vor dem Grab gefunden, ich dachte ..." es versagt Bodie die Stimme.

„Bodie, sind Sie noch da?" Cowley klingt besorgt.

„Ja, ja, Sir. Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Er ist nicht mehr ansprechbar, er ist total apathisch."

„Hat er Medikamente genommen, Bodie, soll ich Ihnen einen Notarzt schicken?"

„Nein, Sir, ich glaube nicht, dass er irgendwelche Medikamente genommen hat. Ich glaube nicht, dass er einen Selbstmordversuch unternehmen wollte. Er scheint in einem Schockzustand zu sein, so als ob er jetzt erst begriffen hat, was da nachts passiert ist." Bodie kann nun selbst kaum mehr ein Zittern unterdrücken, so sehr belastet ihn die Sache.

„Bleiben Sie bei ihm, Bodie. Ich komme sofort und bringe Dr. Ross mit."

„Danke, Sir." erleichtert legt Bodie den Hörer auf und bemerkt erst jetzt, dass der Teekessel bereits pfeift.

 

***


Bodie atmet erleichtert auf, als nach einer knappen halben Stunde endlich die Türglocke läutet. Es war ihm nur mit Mühe gelungen, Ray dazu zu bewegen, einige Schlucke heißen Tee mit Milch und viel Zucker zu trinken.

„Bitte kommen Sie herein, Sir, Dr. Ross. Ray liegt auf seiner Couch im Wohnzimmer."

Cowley betritt, dicht gefolgt von Dr. Ross, das Wohnzimmer und ist geschockt vom Anblick eines seiner besten Männer.

„Dr. Ross, was ist mit ihm?" fragt Cowley leise.

Dr. Ross tritt näher an die Couch heran, nimmt Doyles Hand in ihre. Mit ruhigen Worten spricht sie ihn an: „Ray, ich bin es, Dr. Ross. Können Sie mich hören?"

Doyle reagiert nicht. Seine Augen sind geöffnet, sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Er scheint seine Umgebung überhaupt nicht wahrzunehmen. Dr. Ross fühlt, wie die Kälte, die von Doyles Hand ausgeht, auf sie über zugreifen scheint. Sie drückt Rays Hand, doch erhält keinen Gegendruck. Wie leblos liegt seine Hand in der ihren.

Da bemerkt Dr. Ross, dass Doyle offensichtlich noch seine nasse Kleidung anhat. „Bodie, wieso haben Sie ihn sich nicht trockene Sachen anziehen lassen?"

Bodie blickt verzweifelt zu Boden. „Ich habe es versucht, ihn dazu zu bringen. Er hat nicht auf mich reagiert. Und mit Gewalt wollte ich ihn nicht ausziehen. Darum habe ich ihn in die Decken gehüllt, um ihm möglichst viel Wärme zu bieten."

Cowley wird unruhig. „Was ist nun mit ihm, Dr. Ross?"

„Schwer zu sagen, Sir. Von dem was Sie mir über sein Verhalten seit dem Tod seiner Freundin und von seinem Verhalten auf dem Friedhof erzählt haben, ist er offensichtlich in einem Schockzustand. Darüber hinaus scheint er physisch und auch psychisch total erschöpft zu sein. Er scheint seit diesem Vorfall nicht mehr geschlafen und auch kaum etwas gegessen zu haben. Jetzt hat er sich von seiner Außenwelt abgeschottet, um nicht noch einmal emotional verletzt zu werden. Ich mache mir neben seinem physischen Zustand auch Sorgen, dass er sich durch die nasse Kleidung eine Lungenentzündung zuziehen könnte. Sein Immunsystem ist geschwächt." Dr. Ross blickt Bodie an. „Meinen Sie, dass Sie ihn ins Bett bringen und ihm vorher seine nassen Sachen ausziehen können?"

Bodie schluckt. Gut, er hat Doyle schon des öfteren nackt gesehen und schließlich weiß er ja auch nur zu genau, wie ein nackter Mann aussieht. Aber Doyle in der Dusche oder im Umkleideraum nach dem Training oder nach einem Einsatz zu sehen, ist doch etwas vollkommen anderes, als jetzt hinzugehen und ihn zu entkleiden.

„Bodie, es ist wichtig, dass er aus den nassen Sachen rauskommt. Ich würde es ja selber tun, aber ich glaube, es ist Doyle doch angenehmer, wenn Sie das machen. Oder wollen Sie es machen, Mr. Cowley?" Dr. Ross ist sich bewußt, dass sie viel von Bodie verlangt.

„Nein, ich mache es schon. Ich versuche es. Können Sie mir helfen, ihn von der Couch hoch zu bekommen?" Bodie blickt Cowley an, der nur nickt.

Mit gemeinsamer Kraft gelingt es ihnen, Doyle auf seine Füße zu stellen. Wie eine Marionette lässt er sich von Bodie in sein Schlafzimmer führen. Während Bodie ihm die nasse Kleidung auszieht, spricht er leise und ruhig auf Doyle ein. Seine Worte scheinen keinen Sinn zu geben, aber das ist in diesem Moment für Bodie, und sicher auch für Doyle, nicht so wichtig. Es gelingt Bodie, ihn zu entkleiden, ihm seinen Bademantel anzuziehen und ihn in sein Bett zu legen. Doyle zeigt keinerlei Reaktion außer einem leichten Zittern.

Bodie holt Dr. Ross ins Schlafzimmer. „Danke, Bodie, bitte warten Sie draußen."

„Bodie, sind Sie wenigstens okay?" Der besorgte und fast schon verzweifelte Ausdruck in Bodies Augen ist Cowley nicht entgangen.

„Ich weiß nicht, Sir, ich mache mir Sorgen um Ray. Als er da vor dem Grab kniete ... oh, Gott, ich dachte, er hält seine Pistole in der Hand und ... Ich habe immer gedacht, ihn kann nichts aus dem Gleichgewicht bringen. Aber jetzt? Ich erkenne ihn nicht wieder." Ein Schaudern läuft Bodie den Rücken hinunter.

Cowley schenkt sich und Bodie einen gehörigen Schluck Malt-Whiskey ein. „Hier, trinken Sie, Bodie. Im Moment können wir nur warten."

Die beiden Männer sitzen schweigend auf Doyles Couch. Es kommt ihnen wie eine Ewigkeit vor, bis Dr. Ross endlich aus dem Schlafzimmer kommt.

„Bodie, können Sie mir bitte helfen, ihn auf den Bauch zu drehen? Ich möchte ihm eine Spritze geben!"

Bodie nickt nur und folgt Dr. Ross schweigend in das Schlafzimmer. Doyle liegt nach wie vor regungslos, mit offenen Augen, im Bett.

„Drehen Sie ihn bitte um, Bodie, ich möchte ihm eine Spritze in seine Gesäßmuskulatur geben."

„Aber Sie können ihm doch auch die Spritze in die Oberarm- oder Oberschenkelmuskulatur geben?" Bodie versteht nicht, warum Dr. Ross ihm die Spritze gerade in sein Gesäß geben möchte.

„Bodie, bitte, ich möchte Ihnen hier keinen Vortrag über die Anatomie eines Menschen halten und über die Wirkung von Injektionen in bestimmte Muskelbereiche. Tun Sie es einfach, ja?"

Vorsichtig dreht Bodie Doyle um. Sein Körper fühlt sich nunmehr etwas wärmer an. Bodie beobachtet, wie Dr. Ross Doyle die Spritze in sein Gesäß gibt. Der Ausdruck auf Dr. Ross Gesicht verwundert Bodie; er meint fast ein Glitzern in ihren Augen gesehen zu haben, als sie den Bademantel hoch schob. ‚Unsinn, Bodie, das bildest Du Dir alles nur ein. Sie ist ein Doktor, wenn auch ein Seelenklempner, aber sie will Doyle bestimmt nur helfen' schilt sich Bodie in Gedanken.

Durch Dr. Ross Worte „Drehen Sie ihn bitte wieder auf den Rücken!" wird Bodie aus seinen Gedanken gerissen. Gemeinsam gehen sie zu Cowley ins Wohnzimmer zurück.

„Und, Dr. Ross, können Sie schon mehr sagen?"

„Nein, es tut mir Leid, Mr. Cowley, auch mir ist es nicht gelungen, irgendeine Reaktion bei ihm zu erwecken. Er hat sich total abgeschottet. Ich habe ihm jetzt ein leichtes Beruhigungsmittel gespritzt und er müsste jetzt eigentlich die nächsten 12 - 14 Stunden schlafen. Ich werde heute Abend wiederkommen, um bei ihm zu sein, wenn er heute Nacht aufwacht. Lassen Sie ihn bis dahin bitte nicht alleine und versuchen Sie ihn, so gut es geht, warm zu halten. Sollten sich Veränderungen ergeben oder sollte er Fieber und Schüttelfrost bekommen, rufen Sie mich bitte sofort an. Ansonsten sollte er jetzt eigentlich ruhig schlafen."

„Ich bleibe bei ihm."

„Das ist gut, Bodie, ich rufe Sie später an. Sollte es Probleme geben, Sie haben gehört, was Dr. Ross gesagt hat." Cowley erhebt sich von der Couch und verlässt zusammen mit Dr. Ross die Wohnung.


***


Gegen 22.00 Uhr kommt Dr. Ross in Doyles Wohnung zurück. „Wie geht es ihm, Bodie?"

„Anscheinend keine Veränderung", erwidert Bodie bedrückt. „Dr. Ross, wird er sich wieder fangen?"

„Das ist schwer zu sagen. Sie wissen selbst, was er in den letzten Jahren alles durchgemacht hat, es kann sein, dass der Tod seiner Freundin das Fass zum Überlaufen gebracht hat und er ..."

„Sie meinen, er könnte verrückt geworden sein?"

„Bodie, lassen Sie uns keine voreiligen Schlüsse ziehen. Er braucht jetzt viel Ruhe und Verständnis und psychiatrische Betreuung. Gehen Sie jetzt nach Hause, Bodie. Auch Sie sehen sehr mitgenommen aus. Ich werde gut für ihn sorgen."

War da nicht wieder dieses Glitzern in Dr. Ross Augen? ‚Du spinnst, Bodie, Du siehst Gespenster.' „Gute Nacht, Dr. Ross, ich komme morgen früh vorbei."

„Gute Nacht, Bodie, und machen Sie sich keine unnötigen Gedanken."

Bodie fühlt sich hilflos und irgendwie ist ihm nicht wohl bei der Vorstellung, Doyle in den Händen dieser, seiner Meinung nach, gefühlskalten Frau zurückzulassen.


***


Dr. Ross holt sich einen Stuhl aus Doyles Küche und setzt sich neben ihn ans Bett. Besorgnis spiegelt sich ihn ihrem Gesicht wieder. Sie versucht, sich zu entspannen und in ihrem Buch über Trauerbewältigung zu lesen.

Gegen zwei Uhr morgens lässt die Wirkung der Spritze offensichtlich nach. Doyle fängt an, sich unruhig im Bett hin und her zu wälzen; anscheinend befindet er sich in der Mitte eines Alptraumes. Sein Gesicht ist schweißüberströmt. Sanft rüttelt ihn Dr. Ross an der Schulter und spricht beruhigend auf ihn ein. Doyle entspannt sich. Mit zitternden Finger tupft Dr. Ross den Schweiß vom Gesicht, streichelt liebevoll darüber und streicht eine Locke aus seiner Stirn. „Oh, wie schön Du doch bist, Ray! Ich werde Dich nicht alleine lassen, niemals." murmelt sie.

Zwei Stunden später scheint Doyle aufzuwachen. Er spürt offensichtlich die Anwesenheit einer Frau in seinem Schlafzimmer. „Ann, bist Du das?" seine Stimme klingt heiser und belegt.

„Nein, Ray, ich bin es, Dr. Ross. Wie fühlen Sie sich, Ray?"

„Kalt, mir ist so kalt. Ann, wo ist Ann?"

„Ray, Sie wissen doch, was passiert ist. Ann ist jetzt an einem Ort, wo Ruhe und Frieden herrscht." Sie erinnert sich an Bodies Worte, dass Doyle das Gedicht ‚Go placidly amid the noise and haste' Ann ins Grab mitgegeben hatte. „Sie ist dem Lärm und der Hast unserer Welt enteilt."

Doyle schließt die Augen, die sich mit Tränen gefüllt hatten. Dr. Ross ist über Doyles Reaktion glücklich; sie hatte sich ernsthafte Sorgen gemacht, als er so regungslos und apathisch war. Tränen sind ein gutes Zeichen. Sie ist sich fast sicher, dass dieser Zustand nur von der physischen und psychischen Erschöpfung her stammte und ihm die 14 Stunden Schlaf sehr gut getan hatten. ‚Schlaf ist noch immer das beste Heilmittel.' geht es ihr durch den Kopf.

„Versuchen Sie, wieder zu schlafen, Ray. Ich gebe Ihnen noch mal eine Spritze, dann fällt es Ihnen leichter."

Doyle, der sich sonst mit Händen und Füßen gegen Spritzen und die Einnahme von Medikamenten wehrt, lässt sich widerstandslos von Dr. Ross die Spritze geben. Dieses Mal spritzt ihn Dr. Ross in den Oberarm. Kurz darauf fällt Doyle wieder in einen entspannten Schlaf.

Dr. Ross ist zufrieden mit sich selbst. Trotz des relativ unbequemen Stuhles gelingt es auch ihr, ein paar Stunden zu schlafen.


***


Gerade als sich Dr. Ross Kaffee kochen will, klingelt es. Bodie steht vor der Türe, Besorgnis in seinen Augen. „Guten Morgen, Dr. Ross, wie geht es Ray?"

„Er schläft. Er ist heute Nacht kurz aufgewacht und hat geweint. Ein gutes Zeichen. Ich habe ihm dann nochmals eine Spritze gegeben."

‚Wieder in sein Gesäß,' fragt er sich, spricht diesen Gedanken aber nicht aus. Bodie empfindet das Verhalten von Dr. Ross seinem Partner gegenüber als sehr seltsam.

Schweigend trinken sie zusammen Kaffee. „Bodie, ich muss zurück ins HQ. Bitte bleiben Sie bei ihm. Er sollte eigentlich noch einige Stunden schlafen. Wenn etwas ist, rufen Sie mich bitte an. Ich komme gegen Mittag wieder, um nach ihm zu sehen."

Bodie blickt Dr. Ross versonnen nach. Dann geht er in ins Schlafzimmer und betrachtet besorgt seinen leblos daliegenden Kollegen. „Oh, Ray, warum nur musste das alles passieren. Warum nur? Glaubst Du an das Schicksal, Ray?" Bodie erwartet keine Antwort, aber er scheint die Stille in dem Schlafzimmer nicht ertragen zu können und redet leise vor sich hin. Normaler Weise ist Bodie kein Freund vieler Worte. Er erzählt Doyle von einem Film, den er sich heute Nacht angesehen hatte, weil er nicht schlafen konnte. Der Film war alles andere als gut, aber Bodie fällt nichts anderes ein, worüber er hätte reden können. Er wollte seinen Partner auf keinen Fall beunruhigen und von der Arbeit sprechen, von Anns Tod oder von seinen Schuldgefühlen. ‚Eigentlich ist es doch immer Ray, der sich für alles die Schuld gibt, und jetzt fühle ich mich schuldig.' geistert es Bodie durch den Kopf.

Es ist beinahe Mittag, als Doyle aufwacht.

„Hallo Sunshine, schön, dass Du auch mal wieder aus Morpheus Armen zurückkehrst. Wie fühlst Du Dich, kann ich Dir irgend etwas bringen?"

„Bodie." Rays Stimme ist nur ein Krächzen. Trotzdem scheint es so, als ob sich Doyle trotz der nassen Kleider am gestrigen Tag nicht erkältet hat. „Ich muss auf die Toilette und möchte duschen."

„Okay, Sunshine, lass mich Dir helfen."

„Danke, Bodie, aber ich komme schon ..." Ein plötzlich aufkommendes Schwindelgefühl zwingt Doyle sich wieder auf das Bett zu setzen. „Gib mir nur eine Minute, dann bin ich wieder okay."

Bodie nickt ihm aufmunternd zu, obwohl er weiß, dass Ray fern von okay ist. „Bist Du sicher, dass Du es alleine schaffst?"

„Ja."

„Gut, ich bin in der Küche und mache uns Tee und Toast. Ruf, wenn Du was brauchst."

„Sicher."

Bodie beobachtet Doyle mit Besorgnis, als er unsicheren Schrittes Richtung Badezimmer geht. Er geht in die Küche, setzt Teewasser auf und kehrt ins Schlafzimmer zurück, um den Bettüberzug zu wechseln, den Doyle in der Nacht total durchgeschwitzt hatte. Besorgt horcht er immer wieder Richtung Badezimmer, aber Doyle scheint zurecht zu kommen.

Bodie ist gerade dabei, den Tisch zu decken, als Doyle, bekleidet mit einem Jogginganzug, in die Küche kommt. Er ist immer noch sehr blass, aber Bodie findet, dass er schon wesentlich besser aussieht, als gestern, als sie von Friedhof zurückgekehrt sind. Sein Blick ist nicht mehr in die Ferne gerichtet, auch wenn es Doyle offensichtlich schwer fällt, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren.

Schwer lässt er sich auf den Küchenstuhl sinken. „Hier, Ray, trink den Tee, solange er noch heiß ist und iss auch etwas Toast."

„Danke, Bodie, aber ich habe keinen Hunger."

„Bitte, Ray."

Doyle scheint sich mit Gewalt zwingen zu müssen, den Toast zu essen. Doch mehr als die Hälfte einer Scheibe scheint er nicht hinunter zu bekommen.

Da klingelt es an der Haustüre. Doyle schrickt zusammen, ein Anflug von Panik scheint ihn zu erfassen. „Es ist okay, Ray, das ist nur Dr. Ross. Sie wollte heute Mittag wieder nach Dir sehen." versucht Bodie, Doyle zu beruhigen.

Dr. Ross scheint erfreut zu sein, Ray zu sehen. „Ray, wir müssen uns unterhalten. Ich möchte Sie gerne mit in mein Büro im HQ nehmen. Fühlen Sie sich wohl genug, um mit mir mitzukommen?"

Doyle nickt nur und Bodie ist sich nicht so sicher, ob er die Worte von Dr. Ross überhaupt verstanden hatte.


***


Dr. Ross weiß, wie schwierig es ist, einen Menschen wie Doyle zum Reden zu bringen. Sie weiß, was er in der Vergangenheit alles erlebt und mitgemacht hatte. Nur zu genau kennt sie seine Akte. Die ersten Sitzungen gestalten sich als sehr schwierig, Doyle ist kaum bereit, auf ihre Fragen eine Antwort zu geben. Doch während der fünften Sitzung scheint Dr. Ross den richtigen Ansatzpunkt gefunden zu haben und es sprudelt aus Doyle nur so heraus. Er erzählt ihr, wie er Ann kennen gelernt hatte: bei einer Schießerei in ihrem Hausflur. Dr. Ross ist dieser Fall bekannt, sie hat sich vorher die Akte kommen lassen. Doyle erzählt ihr, wie er zu ihr in die Wohnung zurückgekehrt ist und ihr ein Glas Brandy reichte und Ann schließlich zugibt, dass sie einen Schock hatte. Plötzlich lacht Doyle auf: „Wissen Sie, was Sie mir sagte? Sie sei nicht der Typ, der weint. Und ich, ich, der harte Exbulle, ich ..." Dr. Ross sieht, wie ihm die Tränen in die Augen steigen und er hemmungslos zu schluchzen beginnt.

Sie setzt sich neben ihn auf die Couch, legt ihren Arm um seine bebenden Schultern und spricht beruhigend auf ihn ein. „Ist schon gut, Ray, weinen Sie nur. Sie brauchen sich Ihrer Tränen nicht zu schämen."


***


Zwei Wochen nach der Beerdigung von Ann legt Dr. Ross einen ersten Zwischenbericht bei Cowley vor. Cowley liest ihn sich durch und bittet Dr. Ross, ihm nun mit einfachen Worten den Zustand von Doyle zu beschreiben.

Dr. Ross zögert. Sie führt aus, dass Doyle zwar nun den Tod von Ann akzeptiert, nicht aber, dass er ihren Tod nicht verhindern konnte. Er gibt sich die Schuld an Anns Tod und fühlt sich als Versager.

„Was bedeutet das genau, Dr. Ross, wird er jemals wieder einsatzfähig sein?"

„Es ist noch zu früh, dies zu sagen."

„Ja," stöhnt Cowley, „Doyle und seine Schuldgefühle, damit habe ich genug Erfahrung gemacht. Wie sagte Bodie einmal: ,Sobald etwas passiert, meint er, er habe das Schiesspulver erfunden.' - Schreiben Sie ihn noch weiter dienstunfähig, oder kann er wieder leichte Arbeiten verrichten?"

„Nein, ich möchte ihn noch genauer beobachten. Ich halte es nicht für richtig, dass er jetzt schon wieder arbeitet, auch wenn es nur hinter dem Schreibtisch ist. Er ist noch nicht stabil genug, um mit Gewalt und Tod konfrontiert zu werden."

„Sie sind der Experte, ich danke Ihnen, Dr. Ross. Ach, Dr. Ross, wie wird eigentlich Bodie mit der ganzen Situation fertig?"

„Wie meinen Sie das, Sir?" Dr. Ross hatte sich bisher keine Gedanken um Bodie gemacht; ihr ganzer Einsatz galt Doyle.

„Na, wie verkraftet er es, dass Doyle zusammengebrochen ist? Die Beiden sind langjährige Partner, haben immer eng zusammen gearbeitet und waren stets für einander da."

„Gut, Mr. Cowley, es gibt keine Probleme bei Bodie." Dr. Ross gelingt es, ihre Gefühle vor Cowley zu verbergen. Bodies Gemütszustand hat sie bisher nicht beschäftigt, Doyle war alles, was für sie zählte. Sie nimmt sich jedoch vor, mit Bodie zu sprechen, um sich nicht später Vernachlässigung ihrer Pflichten vorwerfen zu lassen. Nur zu sehr ist sich Dr. Ross bewusst, dass die Ereignisse der letzten zwei Wochen auch nicht ohne Auswirkungen auf Bodie geblieben sein können, doch erst Cowleys Frage danach scheint ihr vor Augen zu führen, dass sie auch ihm gegenüber Verpflichtungen als Psychiaterin hat.


***


Als Bodie am nächsten Morgen in sein Büro kommt, findet er einen Zettel von Dr. Ross auf seinem Schreibtisch, dass er sie anrufen solle. Er will dies nicht auf die lange Bank schieben, fackelt nicht lange und ruft Dr. Ross an. Fünf Minuten später steht er in ihrem Büro.

"Was gibt es, Dr. Ross? Geht es um Doyle?" fragt Bodie besorgt.

„Nein, Bodie, es geht nicht um Ray, es geht um Sie. Wie geht es Ihnen?"

„Was sollte bei mir verkehrt sein?" ‚Und wenn es mir noch so dreckig ginge, Dir würde ich nichts erzählen. Wenn Du meinst, dann lass doch Herbie auf mich los. Du bist doch nur scharf auf Doyle und willst mich aushorchen,' denkt sich Bodie, sein Gesicht ist jedoch ausdruckslos.

„Na, ich habe mir gedacht, vielleicht kommen Sie nicht damit zurecht, Ray nicht mehr als Partner zu haben und ..."

Bodie läßt Dr. Ross nicht ausreden. „Das ist nur ein vorübergehender Zustand und ansonsten ist die Zusammenarbeit mit Murphy gar nicht so schlecht." Er will ihr auf keinen Fall die Genugtuung geben, dass sie einen wunden Punkt bei ihm berührt hat. Bodie macht sich nach wie vor ernste Sorgen um Doyle und redet sich ein, dass er bald wieder mit ihm zusammenarbeiten würde. Auf Dauer würde er keinen anderen Partner als Doyle akzeptieren, lieber würde er kündigen.

„Fein, Bodie, dann ist ja alles in Ordnung. Danke, Sie können gehen. Ich werde Cowley einen entsprechenden Bericht schicken." Sie kann ihr Desinteresse an Bodie kaum verbergen.

 

***


Doyle verbringt viel Zeit beim Training mit Macklin, Towser und den neuen Rekruten. Er ist körperlich wieder in Bestform und irgendwie gefällt es ihm, den neuen Rekruten zeigen zu können, dass ein so alter Hase wie er immer noch besser und schneller als das junge Gemüse ist. Auf jeden Fall lenkt ihn das Ganze von seinen finsteren Gedanken ab und abends ist er dann meist so müde, dass er relativ schnell einschlafen kann, auch ohne die ihm von Dr. Ross verschriebenen Schlaftabletten und Beruhigungsmittel zu nehmen.

Täglich hat er aber auch immer noch einen Termin bei Dr. Ross. Es fällt ihm zwischenzeitlich leichter, seine Gefühle zu beherrschen und ohne, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen, von Ann zu sprechen. Bei einer dieser Sitzungen mit Dr. Ross erzählte er ihr, wie die Schießerei vor dem Alladdin abgelaufen ist.

Mit ruhiger, leiser Stimme berichtet er Dr. Ross: „Ann und ich verließen das Alladdin, wir waren leicht angetrunken, wir wollten uns daher ein Taxi nehmen. Ich wollte nur mehr kurz etwas aus dem Wagen holen. Als ich die Beifahrertüre aufgesperrt hatte, nahm ich Ann in die Arme und wir drehten uns etwas herum. Ich wollte sie küssen ... Plötzlich fielen Schüsse und Ann lag schwer in meinen Armen. Sie schaute mich mit großen Augen an ..." Doyle kann nicht mehr weiterreden. Zu sehr zerren die Erinnerungen an ihm. Er bemerkt nicht, dass Dr. Ross immer näher gerutscht ist und ihm ihre Hand auf den Oberschenkel gelegt hat. Nach dem zweiten Anlauf spricht Doyle stockend weiter: „Und wissen Sie, was ihre letzten Worte waren?"

„Nein," Dr. Ross schüttelt den Kopf.

„Ich habe Dir verziehen. Ray, ich liebe Dich."

Das Blitzen in Dr. Ross Augen entgeht ihm. Auch ist er nicht davon irritiert, dass Dr. Ross ruckartig von der Couch aufsteht.

Doyle spricht weiter: „Sie konnte nicht mehr hören, was ich ihr noch sagen wollte. Ich konnte ihr nicht mehr sagen, wie sehr ich sie liebe. Sie starb in meinen Armen. - Ich bin schuld an ihrem Tod. Ich allein. Ich hätte sie niemals in ein arabisches Restaurant einladen dürfen, ich wusste, dass mein Job gefährlich war. Ich war zu egoistisch, ich wollte sie bei mir haben. Ich war so glücklich, dass ich sie wieder hatte und sie mich immer noch gerne hatte. Es war so schön. Und jetzt, mein Gott, Ann, was habe ich Dir nur angetan ...?"

„Haben Sie mit Ihr geschlafen, Ray?" Der harte Ton in Dr. Ross Stimme entgeht Doyle ebenfalls. Zu sehr ist er mit sich selbst beschäftigt. Automatisch antwortet er auf die Frage:

„Ja."

„Gut, Ray, lassen wir es für heute gut sein, ich sehe Sie am Montag wieder."

„Ja, bis Montag, Dr. Ross und danke." Doyle verläßt mit hängenden Kopf Dr. Ross Büro, er sieht nicht den verbitterten Blick, den sie ihm nachwirft.


***


Auf der Treppe stößt er auf Bodie: „Hey, Ray, schön Dich zu sehen. Hast Du morgen schon was vor?"

„Was sollte ich vorhaben, Bodie?"

„Na, wer weiß? Hast Du Lust, am Nachmittag zu mir zu kommen, wir können uns gemeinsam das Freundschaftsspiel Deutschland gegen England im Fernsehen anschauen? Das bringt Dich vielleicht auch auf andere Gedanken. Wie war's eigentlich bei dem Drachen da drinnen?" fragt Bodie, der seine „Sitzung" mit Dr. Ross vor einigen Tagen noch nicht vergessen hatte.

„Bei Dr. Ross? Ach, eigentlich ganz gut, aber ..."

„Was aber?"

„Ach, ich weiß nicht, nur so ein komisches Gefühl. Ich kann es nicht greifen. Also dann bis morgen Nachmittag, ich bringe Swiss Rolls mit, okay?"

„Okay!" Bodie strahlt über das ganze Gesicht. „Da läuft mir schon jetzt das Wasser im Munde zusammen." Diese Reaktion von Bodie lässt ein flüchtiges Lächeln über Doyles Gesicht huschen.

„Also dann ..."


***


Pünktlich zu Beginn des Fußballspieles erscheint Doyle bei Bodie. Das Wetter ist grauenhaft, dicke graue Wolken hängen am Himmel und es nieselt. Das richtige Wetter um sich zu Hause vor dem Fernseher zu vergnügen, ohne etwas zu versäumen.

Bodie hatte bereits den Couchtisch gedeckt und reichlich Kaffee gekocht. Es war mehr in Vorfreude auf die versprochenen Swiss Rolls als auf das Fußballspiel. Schweigend genießen sie beides, auch wenn Doyle sehr schnell sein musste, um überhaupt mehr als ein Stück Swiss Roll zu bekommen. ‚So schnell wie Bodie die Dinger verdrückt, so schnell kann man ja gar nicht schauen,' denkt sich Doyle, dem es offensichtlich gut tut, in entspannter Atmosphäre mit Bodie den Samstag Nachmittag zu verbringen. Etwas, wie zum Beispiel auch die gemeinsamen Pubbesuche, was sie vor Anns Tod regelmäßig und öfters gemacht hatten. Nur in den letzten paar Wochen seit Anns Tod ... irgendwie war da kein Anlass für ein Treffen.

Zufrieden über den Sieg von England, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war, geben sich Beide ihren Gedanken hin. Bodie beobachtet Doyle verstohlen. ‚Bin ich nicht an Allem Schuld? Ann könnte jetzt noch leben, wenn ich nur schneller reagiert hätte. Ach, wenn ich doch nur ... Nein, Ray würde mir niemals die Schuld am Tode von Ann geben. Niemals. Er würde immer die Schuld bei sich suchen. Das ist nun mal typisch Doyle. Außerdem habe ich schließlich auch den Killer von Ann erschossen. Also kein Grund mehr für Rachegedanken gegenüber diesem Typen.'

Als ob Doyle Bodies Gedanken erraten hätte, fängt er an: „Wenn ich nicht so leichtsinnig gewesen wäre, dann würde Ann jetzt noch leben."

„Ray ..."

„Nein, Bodie, ich bin Schuld an ihrem Tod. Ich hätte sie da nicht mit hineinziehen dürfen."

Während Doyle leise weiter spricht, steht Bodie auf, holt zwei Gläser und eine Flasche Whiskey. Er schenkt kräftig ein.

„Ich hätte wissen müssen, dass ich beobachtet werde. Wie konnte ich nur so dumm sein und Ann während eines Undercover-Jobs mit in ein arabisches Lokal nehmen. Ich hätte wissen müssen, dass sie diese Gelegenheit nützen, um meine arabischen Kontakte zu überprüfen."

„Nein, Ray, es ist nicht Deine Schuld. Wenn überhaupt einer Schuld hat, dann bin ich es. Ich war zu langsam, ich war zu vorsichtig, wir haben geahnt, dass der Killer auf Dich angesetzt war und ich habe versagt. Ray, bitte verzeih mir!"

„Bodie ...," bevor Ray weiterreden kann, nimmt er einen tiefen Schluck auf seinem Glas. „Es ist nicht Deine Schuld, Bodie, es ist allein meine Schuld!"

Bodie weiß, dass es nichts bringt, Ray vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Ray würde immer die Schuld bei sich suchen, egal, was Bodie sagen würde.

Daher erzählt Bodie, dass Fredderick und Bea vor ein paar Tagen in Spanien festgenommen wurden. Fredderick hätte geschwiegen, aber Bea habe ausgepackt. Sie hatte sich als Kronzeugin zur Verfügung gestellt. Die Kollegen vom Yard hätten den Fall nach Anns Tod wieder übernommen und das Nötige organisiert. Dank ihrer Aussage konnte der Schleuserring hier in GB zerschlagen werden und 10 junge Mädchen aus einem zweifelhaften Etablissement befreit werden.

„Ja, und jetzt schieben sie die armen Dinger wieder in ihre Heimat ab, in die Not und in das Elend, dem sie zu entfliehen versuchten! - Hat sie irgend etwas gesagt, woher sie wussten, dass ich ein „faules Ei" war?" Bodie hatte diese Frage von Ray gefürchtet, seit er den Bericht über die Aussage von Bea gelesen hatte.

„Ja, hat sie."

„Und?"

„Lass es gut sein, Ray, das ist nicht so wichtig." Bodie hätte sich verfluchen können, dass er ihn über die Festnahme informiert hatte.

„Bodie, raus mit der Sprache!"

„Ray," Bodie räuspert sich, „also sie hat gesagt, dass Ann sie auf der Toilette gefragt hätte, ob Freddy auch für den CI5 arbeiten würde. Da hat sie eins und eins zusammengezählt und Freddy diese Information sofort gesteckt. Der hat daraufhin den Killer für Dich bestellt."

Doyle schlägt die Hände vors Gesicht. „Oh Gott, wie konnte ich nur. Ich Idiot. Ach, hätte ich doch Ann gesagt, woran ich arbeite. Aber ich wollte sie nicht belasten. Sie mochte ja meine Arbeit schließlich nicht. Ich ..."

Bodie schenkt Doyles Glas nochmals zur Hälfte voll und hält es ihm entgegen. „Hier trink!"

Doyle schaut Bodie mit einem verzweifelten Blick an. Bodie hätte es bald das Herz zerrissen. Er schilt sich einen Idioten, dass er ihm mit der Wahrheit konfrontiert hatte. Tränen glitzern in Doyles Augen. Um die Situation zu entspannen, erzählt Bodie von seiner Wahrnehmung und Ahnung von Dr. Ross ihm gegenüber. Ohne es zu wissen, begeht er damit einen weiteren Fehler.

„Sie ist in Dich verliebt!" stellt Bodie abschließend fest.

Schlagartig schlägt Doyles Stimmung um. Er schießt in die Höhe, tritt vor Bodie, packt ihn mit der linken Hand am Kragen, zieht in ihn die Höhe und schlägt mit der rechten Faust Bodie brutal in die Rippen. Bodie hat nicht mit einem Angriff von Doyle gerechnet; er wird davon total überrascht. Doyle holt zu einem zweiten Schlag aus und trifft Bodie am Kinn. Bodie kann sich kaum mehr auf den Beinen halten. „Ray, was soll das ...!? Bist Du jetzt übergeschnappt", japst Bodie, nach Luft ringend. Als Doyle zu einem dritten Schlag ansetzt, kontert Bodie und versetzt ihm ebenfalls einen Schlag ins Gesicht. Bodie, der zwar Doyle gegenüber gewichtsmäßig im Vorteil ist, weiß, dass er ein ebenbürtiger Gegner ist, und wenn er den Kampf nicht schnellstens beenden würde, dann könnte dies ernste Folgen für Beide haben.

Bodie bekommt Doyle am rechten Handgelenk zu fassen und dreht ihm den Arm auf den Rücken. Doch bevor es ihm gelingt, Doyle auf das Sofa niederzudrücken, versetzt ihm dieser noch einen äußerst schmerzhaften Schlag mit der linken Faust in die Magengrube. Trotzdem schafft es Bodie, Doyle zu halten. Da merkt er, wie der Körper unter ihm schlapp und von Schluchzen geschüttelt wird. Daraufhin läßt Bodie ihn los und fällt schwer in den nebenstehenden Sessel. Der Schmerz in seinen Eingeweiden tobt und die Rippen auf seiner linken Seite bereiten ihm Probleme. Jeder Atemzug verursacht stechende Schmerzen. „Verdammt, schon wieder angeknackste Rippen ..." brummt Bodie vor sich hin.

Doyle richtet sich plötzlich auf. Bodie befürchtet schon, dass er wieder auf ihn einschlagen würde. Doch Doyle würdigt ihn keines Blickes und verlässt schweigend die Wohnung. Bodie ist zu sehr damit beschäftigt, seine Schmerzen und seine Atmung in den Griff zu bekommen, als sich um Doyle Gedanken zu machen und ihm zu folgen. Da es bereits spät ist, versucht er auf der Couch aufrecht sitzend, um seine Rippen zu entlasten und die Schmerzen bei jedem Atemzug erträglich zu halten, zu schlafen. Obwohl emotional aufgewühlt, gelingt es ihm doch, einzunicken.


***

 

Am nächsten Morgen kann sich Doyle zunächst kaum mehr an den Abend zuvor erinnern. Entgeistert schaut er auf seine geschwollenen Knöchel, den Bluterguß am rechten Handgelenk und betrachtet im Badezimmerspiegel die aufgeplatzte Lippe. Nur langsam dämmert ihm, was er getan hatte.

„Mein Gott, ich habe Bodie geschlagen." Doyle wirft einen Blick auf seine Uhr; es ist fast Mittag. Er weiß, dass Bodie heute frei hat. Mit zitternden Fingern greift er zum Telefon und wählt Bodies Nummer. Er lässt es lange klingeln, doch Bodie hebt nicht ab. Doyle beginnt sich Sorgen um Bodie zu machen. ‚Was ist, wenn ich ihn ernsthaft verletzt habe?' schießt es ihm durch den Kopf.

Doyle zieht sich schnell an und rennt zu seinem Wagen. In Rekordzeit erreicht er Bodies Wohnung. Bodie reagiert nicht auf sein Klingeln. Da fällt Doyle auf, das sein silberner Capri nicht mehr vorm Haus parkt. ‚Wo bist Du, Bodie?'

Er entschließt sich ins HQ zu fahren und dort nach Bodie zu fragen. Auf dem Weg zu ihrem gemeinsamen Büro kommt ihm Cowley entgegen. „Was machen Sie heute hier, Doyle?" fragt Cowley verwundert. „Dr. Ross ist heute nicht da."

„Ja, ja, ich weiß, ich suche nach Bodie!" platzt es aus Doyle heraus.

Cowley ist die aufgeplatzte Lippe von Doyle nicht entgangen und auch ist ihm heute morgen das geschwollene Kinn von Bodie aufgefallen. Er kann sich denken, dass es eine handfeste Auseinandersetzung zwischen den Beiden gegeben hatte.

„Kommen Sie mit in mein Büro, Doyle."

Cowley bietet Doyle einen Stuhl an und noch bevor er ihn fragen kann, was zum Teufel denn passiert ist, kommt Betty aufgeregt herein.

„Murphy hat sich gerade gemeldet. Er hat um Unterstützung gebeten. Er sagte, er ist verletzt und Bodie würde die Männer verfolgen!" Bettys Stimme zittert.

„Schicken Sie sofort McCabe und Lucas dorthin, Betty, und verständigen Sie eine Ambulanz."

„Wo ist er?" fragt Doyle besorgt.

„Die Beiden regeln das schon ..."

Doyle wiederholt seine Frage, dieses Mal jedoch sehr aggressiv.

Cowley gibt im die Adresse und Doyle rennt los. Cowley versucht ihn zurückrufen, vergeblich.

„Dieser Idiot ...! Betty, lassen Sie meinen Wagen vorfahren!"


***


Unter Missachtung jeglicher Verkehrsvorschriften rast Doyle zu der angegebenen Adresse. Er findet Murphy, am Boden liegend, mit schmerzverzerrten Gesicht vor, seine Hände gegen die Seite gepresst, Blut sickert durch seine Finger, das Hemd ist blutgetränkt. Bilder von Ann schießen Doyle durch den Kopf.

Besorgt kniet sich Doyle neben Murphy nieder. „Ganz ruhig liegen bleiben, Murph, der Krankenwagen ist schon unterwegs."

„Ray, kümmere Dich um Bodie. Ich bin okay." presst Murphy hervor.

Zögernd steht Doyle auf, aber die Sorge um Bodie überwiegt. Er hört bereits die Sirene des Krankenwagens. „Gut, Murph, sie sind gleich da. Wohin ist Bodie gelaufen?"

Murphy blickt in Richtung Lagerhalle.

Die Deckung nicht vernachlässigend, läuft Doyle in die angegebene Richtung. Jetzt ist er froh, dass er dem Rat von Bodie gefolgt war und eine Reservepistole samt Magazine unter dem Sitz in seinem Auto deponiert hatte. Heute morgen, als er die Wohnung in Eile verließ, hat er nicht daran gedacht, seine Waffe mitzunehmen. Außerdem ist es CI5-Agenten untersagt, während des Krankenstandes eine Waffe zu tragen. Vage erinnert sich Doyle, dass das im Kleingedruckten irgendwo steht.

Ein paar Minuten später entdeckt er Bodie. Er sitzt am Boden, gegen die Wand gelehnt. Dicht daneben liegen zwei Männer. Als Doyle näherkommt, sieht er, dass der eine tot und der andere mit Handschellen gefesselt ist. Offensichtlich hatte Bodie ihn an der Schulter verletzt, die Jacke ist dort rot gefärbt.

„Bodie, bist Du verletzt? Komm, ich helfe Dir hoch. - Mann, bist Du schwer, Du hättest gestern nicht so viele Swiss Rolls essen sollen!"

Bodies Atem geht stoßweise. Doyle ist besorgt, und fragt Bodie nochmals, ob er verletzt sei. Das „Ja", das Bodie erwidert, ist kaum zu hören.

„Wo? Bist Du getroffen worden?" Doyle kann kein Blut an Bodie entdecken.

„Nein, aber irgend so ein lockenköpfiger Teufel hat mir gestern einen Schwinger verpasst und das hat meinen Rippen überhaupt nicht gefallen."

Doyle blickt betreten zu Boden. „Entschuldige Bodie, ich kann mich kaum mehr an gestern erinnern. Ich weiß nicht, warum ich so ausgerastet bin."

„War wohl meine Schuld. Ich hätte nicht soviel reden sollen. Ich habe ja schon mal einen Haken wegen Ann eingefangen, aber das gestern ... da hast Du Dich selbst übertroffen." Bodie sieht es Doyle an der Nasenspitze an, dass er mit seinen Schuldgefühlen hadert. „Schon gut, Doyle, ich bin einiges gewohnt und schließlich war es meine Schuld, dass ich meine Deckung vernachlässigt habe. Hätte ich rechtzeitig meine Muskeln angespannt, dann würdest Du jetzt mit einer Hand in Gips herumlaufen."

Doyle kann ein Lächeln nicht verkneifen. Bodie bemüht sich, nicht zu lachen, denn er weiß nur zu genau, welche fatalen Folgen das für seine angeknacksten Rippen haben würde.

Gemeinsam gehen sie zu Murphy zurück. Auf dem Weg dorthin kommen ihnen McCabe und Lucas entgegen. „Da vorne liegt Abfall und ein Päckchen für Euch." grinst Doyle.

„Immer müssen wir Eure Müllmänner spielen," feixt McCabe zurück.

Bodie und Doyle sehen gerade noch, wie Murphy, auf einer Trage liegend, in den Krankenwagen geschoben wird. Ein Sanitäter hält eine Infusion in die Höhe.

„Wie geht es Murphy?" fragt Doyle Cowley, der ihnen entgegentritt.

„Er wird es überleben. Aber nun zu Euch beiden Clowns. Bodie, wie kommen Sie dazu, mir nicht zu sagen, dass Sie angebrochene Rippen haben? Murphy hat mir das gerade gesagt. Und Sie, Doyle, wieso sind Sie bewaffnet - Sie sind krank geschrieben. Lesen Sie denn nie das Kleingedruckte?" Der Ärger in Cowleys Stimme ist unüberhörbar.

„Ich ..." stammeln beide gleichzeitig los.

Cowley schneidet ihnen mit einer resoluten Handbewegung das Wort ab. „Bringen Sie Bodie zum Durchchecken ins Krankenhaus und für den Fall, dass sie ihn nicht dort behalten, sehe ich Sie beide um Punkt 16.00 Uhr in meinem Büro." Ohne eine Antwort abzuwarten, geht Cowley zurück zu seinem Wagen.


***


Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass tatsächlich zwei Rippen von Bodie angeknackst sind. Obwohl er Krankenhäuser hasst, findet Bodie doch Gefallen daran, dass ihm eine hübsche junge Assistenzärztin einen Stützverband anlegt.

„Au, nicht so fest!"

„Aber Mr. Bodie, das muss so fest sein, sonst hilft es doch nichts." aufmunternd lächelt sie ihn an. „Soll ich ihnen noch eine Spritze gegen die Schmerzen geben."

„Nein, danke, es geht schon!" Der Anblick von Dr. Ross, wie sie Doyle eine Spritze ins Gesäß gibt, kommt ihm in Erinnerung. War da nicht auch so ein Glitzern in den Augen der Ärztin eben?

Doyle reißt ihn aus seinen Gedanken. „Komm, lass uns draußen noch warten, bis wir Neuigkeiten von Murphy hören. So wie es aussieht, hat die Kugel seine Milz getroffen, daher das viele Blut. Wahrscheinlich müssen sie ihm die Milz entfernen."

Sie nehmen auf den Stühlen im Warteraum Platz. Für Bodie scheint es nicht sehr bequem zu sein; ständig wechselt er seine Sitzposition. Doyle unterbricht als Erster das Schweigen.

„Ich habe nachgedacht. Ich weiß nicht, was gestern der Auslöser war, dass ich so brutal reagiert habe. Aber, hast Du es wirklich ernstgemeint, das mit Dr. Ross?"

„Ja, Doyle."

„Ich habe mir die letzten Wochen seit Anns Tod nochmals in Erinnerung gerufen. Vieles ist wie hinter einem Nebelschleier. Ich sehe mich immer wieder als Beobachter, neben den Geschehnissen stehend. Es ist ein seltsames Gefühl. Und wenn ich es genau bedenke, war das Verhalten von Dr. Ross mir gegenüber schon etwas komisch. Aber ich glaube, ohne sie hätte ich es nicht geschafft, mich mit dem Tod von Ann auseinander zu setzen. Es schmerzt immer noch höllisch, Bodie, wenn ich an sie denke ..."

„Genau wie meine Rippen," erwidert Bodie. „Aber bevor Du jetzt wieder in Schuldgefühlen ertrinkst, Doyle, wir können das Geschehene leider nicht mehr ändern. Lass uns nach vorne blicken, ich möchte Dich nicht als Partner verlieren. Ich bin zu alt, um mich an einen Anderen zu gewöhnen und womöglich halst mir Cowley noch so einen jungen Spund auf, der alles besser weiß. So einen wie Du mal warst, so einen neunmalklugen Ex-Bullen."

Doyle kann ein Lachen nicht unterdrücken. Sein Lachen ist ansteckend und Bodie bereut es sofort. „Es wäre nett von Dir, wenn Du etwas Rücksicht auf mich nehmen würdest ..." aber dieser Kommentar bringt Doyle nur noch mehr zum Lachen. Die Last und die Anspannung der letzten Wochen scheinen von ihm gefallen zu sein und so wie Bodie das als Laie beurteilen kann, ist Doyle auf dem besten Wege zurück in die Normalität.

Als ihnen der Arzt versichert hatte, dass Murphy die Operation gut überstanden hatte und dass, sollte es keine unvorhersehbaren Komplikationen geben, er in ein paar Wochen wieder auf den Beinen sei, verlassen Beide das Krankenhaus. Pünktlich treffen sie bei Cowley im Büro ein.

Doyle versucht die Situation zu entspannen, in dem er Cowley die gute Nachricht von Murphy übermittelt, doch Cowley brummt nur, dass er das bereits wisse.

Die Standpauke, die ihnen Cowley hält, ist nicht von schlechten Eltern. Aber offensichtlich gelingt es sowohl Bodie als auch Doyle, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, dabei aber doch ein betretenes Gesicht zu machen.

Beinahe hätten Beide die letzten Worte von Cowley überhört „... ich gehe davon aus, dass Sie beide in zwei Wochen wieder einsatzfähig sind. Ich habe zwar noch nicht den abschließenden Bericht von Dr. Ross über Sie, Doyle, aber so wie Sie heute reagiert haben, sind Sie auf dem besten Wege zurück. - Danke, meine Herren, das ist alles."

Aufatmend verlassen sie Cowleys Büro und sind sich darüber einig, dass Dr. Ross wohl kaum etwas Gegenteiliges schreiben würde, denn sonst würden Beide sie mit ihren Wahrnehmungen konfrontieren. Und das konnte sich Dr. Ross nicht leisten, ohne um ihren Job fürchten zu müssen.

Bodie und Doyle sind sich sicher, dass sie in zwei Wochen wieder Cowleys bestes Team sein würden.


Ende

by Gitti/November 2000

 

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