Kleingedrucktes:

Diese Story beinhaltet Charaktere, die nicht vom Autor erfunden wurden. Sie dient ausschließlich zum Zwecke der Förderung allgemeiner Begeisterung für eine gewisse englische Krimiserie.

 

Danke an Gitti für ihre wertvolle Hilfe!

 

 

F I R S T L O V E

 

“Du könntest etwas vorsichtiger um die Kurven fahren, Doyle! Schließlich hat Cowley heute gesagt, ich sei ein wertvoller Mitarbeiter!“

„Ja, aber nur, um sich mit der Wahrheit nicht selbst zu blamieren! – Aber bitte, mein wertvoller Kollege, wenn es Dir zu gefährlich ist, dann geh doch zu Fuß! Ein wenig frische Luft schadet Dir gar nicht – dann kommst Du vielleicht wieder auf den Boden zurück!“

Als der Wagen stoppt, steigt Bodie sofort aus und klopft lachend auf das Autodach:

„Pass auf Dich auf, Ray. Ich sehe Dich morgen im HQ!“

„Pass Du auf Dich auf!“, gibt Doyle ebenfalls lachend zurück, wendet den Wagen und fährt davon.

Mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht legt Bodie die restlichen Meter zu Fuß zurück.

Auf dem Weg kramt er in seinen Taschen nach dem Schlüssel zu seiner Wohnung. Dann öffnet er die Haustür des Wohnblocks und tastet nach dem Lichtschalter.

Im Licht der Hausflurbeleuchtung sieht Bodie plötzlich eine Frau vor sich stehen, die ihn sofort anspricht:

„Haben Sie Feuer?“

Noch ehe Bodie eine Antwort geben kann, entdeckt er das Messer, das sie aus ihrer Jackentasche hervorgeholt hat. Blitzschnell versucht er, ihr auszuweichen, als die Frau unvermittelt zusticht.

Ein stechender, alles betäubender Schmerz durchströmt Bodie.

Ungläubig schaut er ihr zu, wie sie das Messer zurückzieht. Zugleich quillt eine große Menge Blut aus der Wunde hervor. Langsam taumelt er rückwärts an die Wand und sackt dort, seine Hände gegen den Bauch gepresst, zusammen.

Ohne Bodie auch nur noch einmal anzusehen, läuft die Frau davon.

 

***

 

Als Doyle gewendet hat und einige Straßen weiter fährt, fällt sein Blick auf den Beifahrersitz, auf dem Bodies R/T liegt.

„Das ist mal wieder typisch! Der Kerl lässt auch alles liegen!“ ruft er, halb zornig, halb lachend.

Bei der nächsten Gelegenheit biegt Doyle ab, um zu Bodie zurück zu fahren und ihm sein R/T zu bringen.

Doyle parkt seinen Wagen nun direkt vor dem Wohnblock und steigt aus. Mit wenigen Schritten erreicht er das Haus, öffnet die Eingangstür und tastet, wie Bodie zuvor, nach dem Lichtschalter...

„Bodie!!!“

Bodie liegt zusammengekrümmt und halb an die Wand angelehnt dort, doch er antwortet nicht. Seine Hände sind blutverschmiert und seine Kleidung ist blutdurchtränkt.

Mit einem katzenhaften Satz ist Doyle bei ihm und versucht hektisch, Bodies Puls zu finden. Ein Seufzer der Erleichterung entfährt ihm, als er feststellt, dass Bodie noch am Leben ist. Doch sein Puls ist schwach.

Doyle registriert sofort die Blutungsquelle und ruft einen Krankenwagen mit Bodies R/T, das er noch immer in der Hand hält. Vergeblich versucht Doyle, die Blutung zu stoppen.

Während er auf den Krankenwagen wartet, spricht Doyle Bodie immer wieder an. Doch außer einem schwachen Stöhnen äußert sich Bodie nicht.

Erst als sich Bodie bereits auf dem Weg ins Krankenhaus befindet, informiert Doyle Cowley.

Wie in Trance fährt Doyle dann ebenfalls ins Krankenhaus.

 

***

 

In einem Aufenthaltsraum des Krankenhauses wartet Cowley bereits. Als Doyle eintrifft, zieht er sorgenvoll seine Stirn in Falten.

„Doyle, wo bleiben Sie denn?“

„Wie geht es ihm, Sir?“

„Keine Ahnung. Es sieht jedenfalls nach einer Not-Operation aus. Als ich herkam, war er bereits im OP. Sie machen alle nur besorgte Gesichter und vertrösten einen auf später, anstatt eine Antwort zu geben.“

Nach dieser Erklärung von Cowley lässt sich Doyle seufzend auf einen der harten Stühle fallen und ballt seine Fäuste.

Nachdenklich starrt er an die gegenüberliegende Wand.

Cowley setzt sich neben ihn und legt seine Hand väterlich auf Doyle’s Schulter:

„Konnte er Ihnen etwas sagen, als Sie ihn fanden, Doyle?“

Doyle schüttelt den Kopf:

„Nein, Sir. Er war bereits bewusstlos. Und es gab auch sonst keine erkennbaren Hinweise.“

„Gut, denken Sie nach, ob einer Ihrer letzten Fälle einen potentiellen Täter hergibt. Und versuchen Sie, aus Bodie etwas herauszubringen, sobald er ansprechbar ist. Da der Täter bei ihm zu Hause zugestochen hat, ist es wahrscheinlich, dass sie sich kennen!

Halten Sie mich auf dem Laufenden, ich habe noch einen wichtigen Termin heute. - Wir sehen uns morgen Vormittag im HQ.“

Mit diesen Worten erhebt sich Cowley wieder von seinem Stuhl und verlässt den Aufenthaltsraum.

Während Doyle intensiv über verdächtige Personen nachdenkt, betritt eine Schwester den Raum. Sie macht ein ernstes Gesicht und ist in Begleitung einer Ärztin.

„Ich bin Doktor Phillips. Sind Sie ein Verwandter von Mister William Bodie?“

„Nein, ein Freund. Mein Name ist Ray Doyle. Er...seine Verwandten leben nicht hier in London. – Doktor, können Sie mir etwas über seinen Zustand sagen?“ Die Ärztin zögert zunächst, bis ihr die Krankenschwester zuflüstert:

„Er hat ihn gefunden und den Krankenwagen gerufen.“

„Nun, Mister Doyle...“, beginnt Dr. Phillips vorsichtig, „...die Verletzungen, die Ihr Freund durch den Messerstich davongetragen hat, sind für sich genommen nicht lebensbedrohlich. - Doch der enorme Blutverlust gefährdet in hohem Maße seine Kreislaufstabilität.“

„Was heißt das, Doktor?“

„Ich möchte Sie nicht beunruhigen, junger Mann... – Ihr Freund ist am Leben, und dafür sollte er Ihnen dankbar sein. Recht viel länger hätte die Blutung nicht andauern dürfen, er wäre sonst verblutet.

Wir haben ihm Bluttransfusionen gegeben, ihn operiert und die Blutung gestoppt. Die Operation ist gut verlaufen, aber ob es noch Spätkomplikationen gibt, oder ihm ein Schaden zurückbleibt, müssen wir abwarten.“

Doyle sieht die Ärztin fragend an.

„Schaden?“, wiederholt er, „Wie meinen Sie das?“

„Nun, durch den Blutverlust kam es zu einer Minderdurchblutung der Organe...und - hierdurch bedingt - möglicherweise auch zu einer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. --- Aber er kann ebenso gut Glück gehabt haben und mit einer hübschen Narbe davonkommen!“

Ermutigend lächelt Dr. Phillips Doyle zu.

„Kann ich ihn sehen? Wann ist er ansprechbar?“

„Selbstverständlich können Sie ihn kurz sehen, aber ansprechbar wird er frühestens morgen früh sein. Ich möchte Sie bitten, ihm seine Ruhepause zu gewähren: wenn sie ihn gesehen haben, gehen Sie nach Hause. Sie können hier im Augenblick nichts für ihn tun! Wenn Sie möchten, melden wir uns bei Ihnen, sobald sich sein Zustand ändert oder er aufwacht. – Und Sie könnten auch eine Ruhepause gebrauchen, wie mir scheint!

Schwester Ellie wird Sie zu ihm bringen. Und geben Sie ihr auch Ihre Telefonnummer. – Gute Nacht!“

Die Ärztin nickt der Schwester zu und geht hinaus.

Schwester Ellie führt Doyle in einen abgedunkelten Raum in der Wachstation. Außer Bodie gibt es hier noch drei weitere Patienten. Die Betten sind mit Vorhängen optisch abgetrennt.

„Bitte seien Sie leise.“ , ermahnt die Schwester ihn und zieht sich dezent zurück.

Doyle steht lange Zeit da und starrt Bodie ungläubig an. Endlich holt er sich einen Hocker heran und setzt sich neben das Bett. Flüsternd beginnt er, mit Bodie zu sprechen:

„Man kann Dich wirklich nicht einmal kurz allein lassen, Junge! – Verdammt, was ist bloß passiert? Wer war das?“

Schwester Ellie ist zurückgekommen und legt behutsam ihre Hand auf Doyle’s Schulter.

„Bitte gehen Sie jetzt. Wir geben Ihnen Bescheid, wenn sich etwas tut. Im Moment braucht er viel Ruhe.“

Wortlos erhebt sich Doyle von seinem Hocker. Er schreibt der Schwester noch seine und Cowley’s Telefonnummer auf und geht dann hinaus. Auf dem Weg zu seinem Wagen greift er in seine Jackentasche, und hält dann wieder Bodies R/T in der Hand. Er betrachtet es und lässt die Szene, als er Bodie im Hausflur fand, noch einmal Revue passieren. Seufzend steckt er dann das Gerät wieder in seine Tasche zurück und fährt nach Hause.

 

***

 

Ursprünglich hatte Doyle vorgehabt, sich einen nächtlichen Spaziergang zu gönnen, um besser nachdenken zu können. Doch als er daheim ankommt, beginnt es zu regnen und er spürt eine plötzliche Müdigkeit, die sich unter seine Sorgen um Bodie mischt.

Er beschließt, eine wohl tuende Dusche zu nehmen und sich dann zum Nachdenken ins Bett zu legen.

Im Badezimmer beginnt er, sich auszuziehen. Aber dann entscheidet er sich, Cowley zuvor noch über die Erläuterungen der Ärztin und Bodies aktuellen Zustand zu informieren und geht, nur mehr mit seiner Jeans bekleidet, zum Telefon.

Danach kehrt er ins Bad zurück und entkleidet sich vollends, um unter die wohl tuende Dusche zu steigen.

Gerade als er wieder aus der Dusche herauskommt, hört er die Türglocke. Schnell wirft er sich ein Handtuch um.

„Wer ist da?“, fragt er barsch.

„Ray, bist Du es? Bitte mach auf, ich stehe hier im Regen!“

Die weibliche Stimme kommt Doyle bekannt vor, doch er kann sie im Moment nicht zuordenen. Trotzdem öffnet er die Tür.

„Ray, entschuldige, dass ich...“

„Jessica!“

Freude und Verwunderung mischen sich in Doyle’s Stimme.

Jessica mustert Doyle und bemerkt grinsend:

„Hast Du mich etwa erwartet? Oder warum duscht Du mitten in der Nacht? – Störe ich vielleicht?“

Suchend blickt Jessica hinter Doyle ins Schlafzimmer.

„Nein, nein! Warte, ich ziehe mir nur eben was an.“

Kurze Zeit später sitzt Doyle mit Jessica im Wohnzimmer bei einem Glas Wein.

„Du siehst schlecht aus, Ray. Geht es Dir nicht gut?“

„Ich mache mir Sorgen um...ach was, reden wir von Dir: sag, wie geht es Dir? Und warum bist Du hier?“

„Oh, ich bin zufällig hier in London und da ich tagsüber wenig Zeit habe, dachte ich, meinen alten Freund kann ich auch nachts besuchen! Leider warst Du ja nicht zu Hause, aber ich habe trotzdem auf Dich gewartet. Es macht Dir doch nichts aus?“

Mit einem gewinnenden Lächeln schaut sie Doyle an und lässt ihn seine Sorgen um Bodie in den Hintergrund rücken.

„Da hast Du Glück gehabt, Jessica ! - Schön, dass Du mich nicht vergessen hast. – Weißt Du, manchmal habe ich Dich schon sehr vermisst!“

„Ich Dich auch, Ray. Aber Du hast damals Schluss gemacht.“

„Das stimmt, aber ich hatte auch meine Gründe. Ich war nicht der Richtige für kriminelle Jugendsünden, Jessica! Was ist aus Dir und Derek geworden? Seid Ihr immer noch zusammen?“

Jessica lacht verächtlich:

„Oh nein, Ray. Das war die nächste gescheiterte Beziehung und es folgten danach noch etliche. Und Du? Bist Du wirklich Polizist geworden?“

„Sagen wir, ich bekämpfe Kriminalität. - Noch einen Wein?“

„Danke, nein, Ray. Ich werde jetzt ins Hotel zurückfahren. Vielleicht können wir uns ja morgen Abend wieder treffen?“

Doyle begleitet Jessica zur Tür.

„Gib mir Deine Nummer, Jessica. Ich rufe Dich an, sobald ich Zeit habe. Wir könnten ja nett essen gehen.“

„Mach das, Ray. Es tut mir Leid wegen Deines Freundes...“

„...ja, mein Freund und Partner !“

„Gute Nacht, Ray.“

Sie gibt ihm zum Abschied noch einen Kuss auf die Wange und winkt, bevor sie aus dem Haus geht.

Doyle blickt ihr gedankenverloren nach. Dann geht er in seine Wohnung zurück und freut sich, seine „erste Liebe“ wiedergetroffen zu haben.

Als er sich in sein Bett legt, kreisen seine Gedanken mehr um Jessica und die Vergangenheit, als um Bodie und den Messerstecher...

 

***

 

Am nächsten Tag fährt Doyle ins HQ, in der Hoffnung, das Krankenhaus hätte wenigstens dort einen Bericht über Bodies Zustand hinterlassen. - Doch auch hier hat man bisher noch keine Nachricht erhalten.

Statt dessen informiert Cowley ihn über das Ergebnis seiner Nachforschungen, die er noch in der Nacht getätigt hatte:

„In letzter Zeit hat es mehrere Morde in der homosexuellen Szene gegeben. Vergangene Nacht wurden zwei weitere Personen Opfer von Mordanschlägen. – Beide waren Homosexuelle. Einer von ihnen ist erstochen worden, den anderen fand man am frühen Morgen in der Themse...“

„Was soll das mit Bodies Fall zu tun haben?“

„Doyle, sind Sie tatsächlich so begriffsstutzig, oder wollen Sie es vielleicht gar nicht verstehen?“

„Sir?“

„Doyle...denken Sie mal nach! Glauben Sie nicht, dass es möglich ist, dass jemand Sie und Bodie für Lover hält?“

„Sir!“

Empört stützt Doyle sich mit beiden Händen auf Cowley’s Schreibtisch ab.

„Beruhigen Sie sich wieder, Doyle! Sie wissen, dass es nicht so ist; ich weiß das und die meisten anderen können sich ebenfalls nichts anderes vorstellen. Aber wenn Sie ehrlich sind, ist es immerhin möglich, dass ein Außenstehender diesen Eindruck gewinnen könnte, ja?“

„Derjenige muss aber eine überdurchschnittliche Phantasie haben, Sir! Das ist doch lächerlich!“

Verächtlich lachend verschränkt Doyle die Arme.

Cowley nimmt seine Brille ab und blickt ihn ernst an.

„Es kann auch durchaus möglich sein, dass ich mich getäuscht habe und die genannten Fälle nichts mit Bodies Fall zu tun haben... Doch angenommen, Doyle, es ist so. Angenommen, jemand verdächtigt Sie und Bodie der Homosexualität...und angenommen, dieser Jemand stört sich daran, aus welchen Gründen auch immer – könnte es nicht ein Motiv sein, Bodie zu töten? - Vielleicht haben Sie, Doyle, einen missachteten Liebhaber?“

„Das ist ein völlig absurder Gedanke, Sir! Aber ich muss zugeben, dass ich auch zu keinem Ergebnis gekommen bin.

Bodie hat sicher eine Menge Feinde...doch ich kann mir nicht vorstellen, dass seine üblichen Gegner einfach so kampflos davonkämen! – Der Täter muss ihn total überrascht haben.“

„Dennoch...“,sagt Cowley und überreicht Doyle die Akten von den Homosexuellen-Morden, „gehen Sie diese Vorgänge durch und prüfen Sie sie nach eventuellen Verbindungen zu Bodie.“

„Ja, Sir.“

Doyle wendet sich zum Gehen. Als er die Tür erreicht, läutet das Telefon. Erwartungsvoll sieht er Cowley an, der ihm ein Zeichen gibt, dass er noch warten solle.

„Das Krankenhaus – Bodie ist jetzt wach. Fahren Sie zu ihm, die Akten können warten! Vielleicht hat er selbst bessere Informationen?“

 

***

 

Die Ärztin erwartet Doyle bereits an der Anmeldung.

„Mister Doyle, ja? Gut, dass Sie schon kommen konnten. Er hat bereits mehrmals nach Ihnen gefragt.“

„Wie geht es ihm? Können Sie schon etwas zu seiner Prognose sagen?“

„Ich denke, man braucht sich keine Sorgen zu machen, Mister Doyle. Ihr Freund ist anscheinend ein zäher Bursche. Er hat die ganze Sache relativ gut weggesteckt. Er wird in den nächsten Tagen zwar noch stärkere Schmerzen haben, aber sicherlich keine weiteren Schäden davontragen!“

„Vielen Dank, Doktor Phillips.“, antwortet Doyle erleichtert.

„Gehen Sie jetzt zu ihm. Sein Zimmer ist im 2. Stock, Nummer 228 – wenn Sie noch Fragen haben, wenden Sie sich bitte an die Schwestern, ich habe jetzt Dienstschluss.“

Vorsichtig betritt Doyle das Krankenzimmer. Bodie liegt in halb sitzender Position und mit leicht hochgestellten Beinen im Bett. Es sieht nicht gerade bequem aus, und er macht auch kein zufriedenes Gesicht.

Als er Doyle’s Lockenkopf durch den Türspalt erkennt, hellt sich seine Miene auf. Seine Stimme klingt etwas schwach:

„Ah, hast mich doch nicht vergessen, was?“

„Cowley schickt mich. Er will, dass Du mir was über den Täter sagst.“

„So, Cowley...“ Ein wissendes Grinsen huscht über Bodies Gesicht. „Warum kommt er dann nicht selbst?“

Doyle ignoriert die ironische Frage und holt sich einen Stuhl heran.

„Bodie, wie konnte das überhaupt passieren? Kaum lasse ich Dich für ein paar Minuten aus den Augen... als ich keine fünfzehn Minuten später zu Dir zurückkam, warst Du bereits halb tot!“

„Du bist zurückgekommen? Dann hast Du mich gefunden? Die Schwester sagte etwas von einem netten jungen Mann... also, auf Dich wäre ich da jetzt nicht gekommen!“

Bodie versucht, zu lachen, doch es gelingt ihm nicht. Schmerzvoll hält er den Atem an und beißt sich auf seine Lippen.

Doyle fasst Bodie beruhigend an den Oberarm und bleibt ernst:

„Bleib ruhig, Du brauchst jetzt keine Witze zu machen. Bodie, wer war es?“

„Du hast sie nicht mehr gesehen?“

„Sie?“

„Es war eine Frau, Ray. Ich kannte sie nicht, sie war im Haus, als ich reinging und hat mich was gefragt. Und dann...sie hatte ein Messer...“

„Eine unbekannte Frau? Seltsam... – meinst Du, Du könntest eine Beschreibung abgeben?“

Bodie schüttelt matt den Kopf.

„Ich glaube nicht. Ich kann mich nicht klar erinnern...“

Nachdenklich murmelt Doyle vor sich hin:

„Eine Frau also... dann hatte Cowley mit seiner Vermutung jedenfalls Unrecht...“

Bodie versucht, Doyle’s Worte zu verstehen und hebt neugierig den Kopf. Ein reuevoller Seufzer entfährt ihm dabei und sein Kopf sinkt in das Kissen zurück.

„Was vermutet Cowley denn?“

Doyle kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Er blickt Bodie an und muss noch heftiger lachen. Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hat, beschließt er, Bodie vorerst nichts von Cowleys Theorie zu erzählen, seinen Partner aber dennoch ein wenig aufzumuntern:

„Ach, das erzähl’ ich Dir später. Ich könnte Dir erzählen, was mir gestern nach Deiner Rettung noch passiert ist!“

„Ich hab ja Zeit... also los, erzähl!“

Bodie zieht sich mit einiger Anstrengung und einem schmerzvollen Ächzen ein wenig an dem Handgriff hoch, der über seinem Bett befestigt ist.

„Als ich gestern nach Hause kam, bekam ich noch Besuch! Du errätst nie, wer es war!?“

„Der Alte?“

„Nein, den hatte ich ja zuvor schon hier getroffen! Stell Dir vor, es war eine ganz bestimmte Frau!“

„Oh, ja. Was sonst?“ , murmelt Bodie und mustert Doyle.

„Du kennst sie nicht, das war vor Deiner Zeit, mein Freund...sozusagen...meine erste Liebe!“

Bodie beginnt zu lachen, und auch diesmal lassen ihn die Schmerzen sich reuevoll winden.

„Hast Du sie überhaupt wiedererkannt? Oder ist es etwa noch gar nicht so lange her, hm?“

Empört erwidert Doyle:

„Ich war damals 15 und ich war wirklich ernsthaft in sie verliebt! - Sie heißt Jessica.“

„...und war Deine Lehrerin, stimmt’s?“, spottet Bodie.

„Sie war 17 und hatte alles, was man sich so wünscht...“

Ein schwärmerisches Grinsen umspielt Doyles Mundwinkel.

Bodie zieht misstrauisch eine Augenbraue hoch und gibt zu bedenken:

„Alles, bis auf Erfahrung, ja?“

Als Doyle schweigt, drängt Bodie ihn:

„Na, komm schon! Erzähl mir, wie hast Du sie kennen gelernt, Du hast sie sicher nicht angebaggert!?“

Bodie schafft es, sich in eine bequemere Position zu bringen, als Doyle beginnt, nun ausführlicher zu erzählen.

 

***

 

„Damals, vor 18 Jahren...“

Auf dem Nachhauseweg von der Schule ging der 15 jährige Schüler immer einen Umweg. – Er tat dies, um „seine“ Jessica auf ihrem Heimweg beobachten zu können, die in die selbe Schule ging.

Jessica war zwei Jahre älter als Ray. Dies und seine Schüchternheit waren der Grund, warum er sich nicht traute, das Mädchen anzusprechen..

Aber es bereitete ihm ein bisher unbekanntes Vergnügen, ihre sportliche Figur und die langen, dunklen Haare zu betrachten.

Dabei war Ray keineswegs ein Feigling, nur schüchtern, und vielleicht zu gut erzogen, um in seinem Alter bereits ältere Mädchen anzusprechen.

Seine Klassenkameraden konnten auf ihn zählen, wenn es darum ging, Mut oder Einsatz zu zeigen. Und in seiner Freizeit boxte Ray in einem Jugend-Club. Doch hier versagte sein Mut anscheinend.

Endlose Schulstunden träumte er davon, Jessica berühren zu dürfen.

Eines Tages, als sich Jessica wieder einmal auf ihrem Heimweg befand, näherte sich ihr von vorn ein junger Bursche auf einem Fahrrad.

Ray, der einige Meter hinter Jessica gerade um eine Häuserecke bog, erkannte ihn: es war Derek. Ein Angebertyp aus der Schule.

Derek war ein großer starker Kerl und bekannt für sein rüpelhaftes Verhalten.

Ray hielt den Atem an und versteckte sich zunächst in einem Hauseingang, um die Szene unbemerkt beobachten zu können.

„Hey, Süße, wo willst Du denn hin?“

Derek verstellte ihr mit dem Fahrrad den Weg und drängte sie außerdem an die Hausmauer.

Jessica versuchte, ihm auszuweichen, doch Derek ließ ihr dazu keine Gelegenheit. Im Gegenteil, er bedrängte sie mehr und mehr.

Ray hatte das alles genau beobachtet und in ihm stieg eine unbeschreibliche Wut gegen den älteren Schüler auf.

„Komm, Süße, küss mich, dann lass ich Dich gehen!" hörte Ray Derek spotten und sah, wie Jessica hilflos an die Hausmauer gedrängt, versuchte, sich von seinem Griff zu befreien.

Wieselflink sauste Ray aus seinem Versteck auf Derek zu, der ihn verdutzt anschaute.

„Lass sie in Ruhe!“, schrie Ray ihn an und packte Derek am Kragen.

„Was willst Du denn, Kleiner?“ lachte der wesentlich größere Derek verächtlich.

„Du sollst sie gehen lassen!“

Diesmal klang Rays Stimme bereits gefährlicher, doch Derek wollte sich nicht von einem kleineren und jüngeren Burschen die Show stehlen lassen.

„Hau ab, Kleiner, sonst erkennt Dich Deine Mami nicht wieder!“, drohte Derek und stieß Ray beiseite.

Für einen Moment blieb Ray stehen. Innerlich begann er, vor Wut zu brodeln und der Hilfe suchende Blick Jessicas reichte aus, all seine Wut ausbrechen zu lassen.

Blitzschnell stürzte Ray sich auf den größeren Schüler und hieb ihm in den Magen, so dass sich dieser krümmte. Sofort darauf verpasste Ray ihm noch einen Aufwärtsschwinger und traf Dereks Kinn.

Derek saß verdutzt auf der Straße und hielt sich vor Schmerzen die getroffenen Körperteile.

„Komm, lass uns gehen, bevor er sich wieder erholt hat!“

Ray nahm Jessica bei der Hand und eilte mit ihr davon.

Völlig außer Atem kamen sie vor ihrem Elternhaus an.

„Danke“ sagte sie und sah fest in Rays Augen.

Dann lächelte sie ihn an und er lächelte verlegen zurück. Mit einer Hand strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Dabei spürte er die Zartheit ihrer Haut und plötzlich erwachte ein unsagbares und zugleich unbesiegbares Verlangen in ihm.

Das Mädchen bemerkte, wie intensiv er über ihre Wangen strich und fuhr ihm mit beiden Händen durch das Haar.

Zur Überraschung beider küssten sie sich. Rays Kuss war zunächst zart und vorsichtig, während Jessica immer fordernder küsste.

„Bis morgen“, hauchte sie zum Abschied und verschwand daraufhin im Haus.

 

***

 

Jessica und Ray trafen sich zunächst nur heimlich, sie gingen miteinander ins Kino oder schlenderten durch Warenhäuser.

Beide spürten eine Art inneres Glück, wenn sie zusammen waren. Doch während es für Ray bereits ein Abenteuer war, hin und wieder ein Stück ihres Ärmels beiseite zu schieben, um ihre Oberarme streicheln zu können, war Jessica schon auf dem Weg, Rays sensiblere Zonen zu erkunden.

Eine aufregende Spannung baute sich zwischen ihnen auf und nach einiger Zeit wurde es für Beide immer schwieriger, ihr gegenseitiges Verlangen zu bändigen.

Als Jessica Ray einmal am Nachmittag die Tür öffnete, fragte er erstaunt:

„Du bist ja noch gar nicht fertig! Hast Du’s vergessen?“

„Komm rein!“, sagte sie geheimnisvoll und noch während sie die Tür hinter ihm schloss, überfiel sie ihn mit einem intensiven, verlangenden Kuss.

Sie zog ihn in ihr Zimmer, wo er sich verdutzt auf ihr Bett setzte. Anstatt sich für einen kleinen Ausflug in die Stadtbücherei fertig zu machen, klappte Jessica die Fensterläden zu, holte ein Feuerzeug hervor und zündete Kerzen und Räucherstäbchen an, die sie offenbar schon bereitgestellt hatte.

Als Ray sie fragend ansah, setzte sie sich neben ihn und begann, über seine Oberschenkel zu streichen.

„Meine Eltern kommen nicht vor heute Nacht zurück.“, flüsterte sie.

Dabei führte sie Rays Hand in ihre halboffene Bluse. Zunächst noch vorsichtig, doch dann immer neugieriger wanderte seine Hand über ihren Körper.

Jessica machte sich daran, Ray zu entkleiden. Danach befreite sie sich selbst von ihrer Bluse, die nun bereits ganz geöffnet war.

Als beide vollkommen nackt auf Jessicas Bett lagen, erfreuten sie sich an dem erregenden Gefühl, ihre Körper aneinander zu schmiegen.

Das Mädchen zeigte ihm seinen Weg und als er wenig später atemlos und ein wenig verlegen neben ihr lag, lächelte sie ihm zu:

„Ich liebe Dich, Ray.“

Sie sah ihn an und strich mit ihrer Hand über seine Brust und seinen Bauch.

Für den Jungen war es das erste Mal, dass er mit einem Mädchen geschlafen hatte und ihn plagte der Gedanke, ob er wirklich alles richtig gemacht habe. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie er so dalag und drehte sich umständlich auf den Bauch.

Von dort aus sah er sie an und bewunderte ihre Schönheit, die er so noch nicht betrachtet hatte.

„Ich liebe Dich auch, Jessica.“

 

***

 

Ein gutes halbes Jahr lang gab es für die Beiden nichts Wichtigeres, als zusammen zu sein und sie erlebten einen sehr lustvollen Sommer miteinander.

Als Jessica Ray einmal von seinem Boxtraining abholte, bemerkte er sofort ihre gute Stimmung:

„Hey, was ist denn mit Dir los?“

„Ich war gerade bei Joana und Liza. – Stell Dir vor, Jason und Derek waren auch dort!“

Abenteuerlustig blitzten ihre dunklen Augen ihn an.

„Hört, hört, der Derek, also. Na und?“

Ray wurde mürrisch, als er den Namen des älteren Schülers hörte.

„Ray, Derek hat sich sehr verändert. Er ist jetzt echt nett geworden...- aber das ist gar nicht so wichtig: kannst Du morgen Nacht weg?“

„Was hast Du vor?“

Ray zog Jessica hinter die Fahrradständer und liebkoste ihren Nacken.

„Nicht, was Du denkst. Die anderen wollen nach London fahren... kommst Du mit?“

„Mitten in der Nacht? Wie denn? Mit dem Zug? Oder hat vielleicht Derek jetzt ein Auto?“

Ray sah seine Freundin skeptisch an, als sie ihre Räder aufsperrten. Sie gingen eine Weile schweigend und ihre Räder schiebend nebeneinander her und dann klärte sie ihn auf:

„Derek sagt, es ist ganz leicht. Man muss nur zwei Kabel aneinander halten und schon kann es losgehen...“

„Die wollen doch nicht etwa ein Auto klauen? Das ist doch Diebstahl!“

„Wir bringen es doch zurück! Derek kann ja fahren!“

Wir? Du willst doch das nicht etwa mitmachen, Jessica? Lass’ lieber die Finger davon. Mit so was macht man sich strafbar...“

„Mein Gott, bist Du ein Feigling! Dann eben nicht! Bleib doch mit Deinem Gewissen daheim, wenn Du keinen Spaß haben willst! – Ich mache jedenfalls mit!“, schrie sie Ray an, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr davon.

Ray stand zunächst beleidigt und verletzt da. Er blickte ihr nach, stieg dann ebenfalls auf sein Rad und fuhr verärgert heim.

 

***

 

Eine ganze Woche lang hatte Ray vermieden, Jessica zu begegnen.

Die geplante Spritztour war ein voller Erfolg und alle Freunde bewunderten die Abenteurer.

Auf dem Schulhof beobachtete Ray, wie Jessica mit ihren Freundinnen und Derek plauderte, der seine Hände immer irgendwo bei Jessica hatte.

Nach Schulschluss wartete sie auf Ray.

„Hallo, Ray.“

„Hi.“

„Schade, dass Du neulich nicht dabei warst. Es war einfach super!“, schwärmte sie ihm vor.

„Ihr habt einfach verdammtes Glück gehabt... Du scheinst Dich ja mächtig amüsiert zu haben. - Derek ist wohl ein guter Ersatz für mich, ja?“

Rays Stimme verriet seine Verletztheit, doch er sah sie dabei fest an.

„Ich wollte mich bei Dir entschuldigen, Ray...“

Jessica will ihm durchs Haar streichen, aber Ray hält ihre Hand fest:

„Lass’ das. Ich habe Dich und Derek beobachtet: bleib doch bei dem! Er hatte ja schon lange ein Auge auf Dich geworfen, und Du... Du passt vielleicht ganz gut zu ihm.“

Mit diesen Worten ging er heim.

Viele Wochen noch litt er unter diesem * Verlust *, den er selbst verursacht hatte. Doch nach den Sommerferien hatte Jessica die Schule verlassen und mit der Zeit lernte Ray, dass sie nicht das einzige begehrenswerte Mädchen an der Schule war.

 

***

 

Als Doyle mit Erzählen fertig ist, bemerkt er, dass Bodie mit geschlossenen Augen daliegt.

„Hey, bist Du eingeschlafen!?“

„Nein, ich versuche nur, mir vorzustellen, wie Du wohl als 15 – jähriges Milchgesicht ausgesehen hast und welchen Eindruck Du dabei auf die Mädchen gemacht haben wirst!“

Bodie verzieht das Gesicht zu einem frechen Grinsen und Doyle ist beinahe versucht, ihm dafür einen Stoß in die Rippen zu geben. Gerade rechtzeitig erinnert er sich an Bodies Verletzung und beherrscht sich.

„Und eben diese Jessica hat mich heute Nacht plötzlich besucht. Es war zwar nur ein kurzer Besuch, aber wir sind für heute Abend zum Essen verabredet. Sie ist zufällig für ein paar Tage hier in London.“

„Na, dann wirst Du ja doch einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen haben...Ist sie hübsch? Stellst Du sie mir vor?“

In Bodies Augen spiegelt sich ein neugieriges Glitzern.

Plötzlich springt Doyle auf und ruft:

„Ihr kennt Euch ja gar nicht! Wie konnte sie dann wissen... – Bodie, ich sehe Dich morgen! Ich muss sie unbedingt treffen!“

Mit diesen Worten läuft er aus dem Zimmer. Verwundert blickt Bodie ihm nach.

 

***

 

Doyle ruft Jessica an und macht mit ihr einen Treffpunkt aus.

Er wartet bereits vor dem italienischen Restaurant, als sie, mit kleiner Verspätung, ebenfalls eintrifft.

„Hallo, Ray!“, ruft sie ihm lächelnd zu, doch Doyle lächelt nicht zurück.

„Woher kennst Du Bodie?“, fragt er unvermittelt und mit einem drohenden Unterton.

„Wen?“

Jessica sieht Doyle unschuldig an, doch er bemerkt ihre Unsicherheit.

„Als Du gestern Nacht bei mir warst, hast Du gesagt, es täte Dir Leid, wegen meines Freundes. Nur: woher wusstest Du, dass ihm etwas zugestoßen ist? Es war doch gerade erst passiert!“

Doyle ist laut geworden und Jessica dreht sich um, um ohne Antwort wegzulaufen. Doch er ergreift ihren linken Arm und zieht sie fest zu sich heran.

„Au!“, ruft sie.

Woher?“, fragt er nochmals fordernd.

„Nimm die Pfoten weg, Du schwuler Bock!“

Hysterisch schlägt Jessica auf den völlig verdutzten Doyle ein, tritt ihn und schreit ihn an.

Nachdem sich Doyle von Jessicas Aussage wieder „erholt“ hat, packt er sie an den Handgelenken und zerrt sie zu seinem Wagen.

„Sag’ das ja nie wieder!“, zischt er ihr dabei wütend zu.

Doyle zwingt sie, sich hinten in den Wagen zu setzen, legt ihr Handschellen an und befestigt diese an der Halteschlaufe in seinem Wagen, um sie im Zaum zu halten.

Sofort bringt er sie zum HQ und während der Fahrt versucht er weiter, etwas aus ihr herauszubekommen.

„Na, sag schon! Woher kennst Du Bodie? Und warum hast Du das getan? ... Ich meine, Du musst doch ein Motiv gehabt haben! Was hast Du gegen ihn? Und warum bezeichnest Du mich als schwulen Bock? Was soll das Alles?“

Jessica schweigt, doch noch während Doyle vor sich hinredet, dämmert es ihm, warum Jessica Bodie attackiert hatte.

Im HQ stürmt er mit ihr in Cowleys Büro. Cowley sitzt noch – wie erwartet – über den Akten und arbeitet.

Er sieht nicht einmal auf, als Doyle die Tür ohne anzuklopfen öffnet und die Frau unsanft in den Raum hineinstößt.

„Nun, Doyle? Ich habe Sie bereits erwartet.“

Cowley scheint ruhig und gelassen, aber Doyle kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass diese Gelassenheit nichts Gutes verheißt.

„Warum erwartet, Sir?“

Erstaunt blickt Doyle den Controller an.

„Man hat mich angerufen. Passanten haben Sie beobachtet, wie Sie anscheinend eine junge Frau nach einem Streit genötigt haben, in Ihr Fahrzeug zu steigen. Durch das Kennzeichen Ihres Wagens haben die Polizisten festgestellt, dass es sich um ein CI5-Fahrzeug handelt und mich sofort verständigt.“

George Cowley sieht nun endlich von seinen Akten auf und blickt Doyle vorwurfsvoll an. Dann wettert er:

„Müssen Sie immer Aufsehen erregen, Doyle!?“

Doyle zeigt sich unbeeindruckt und deutet nur abfällig mit dem Kopf auf Jessica.

„Ich denke, sie kann Ihnen das besser erklären, SIR.“

Doyle begibt sich in den Aufenthaltsraum, um ein paar klare Gedanken fassen zu können.

Er wundert sich über sich selbst, dass er keinen Verdacht geschöpft hatte, als Jessica nach so vielen Jahren plötzlich mitten in der Nacht aufgetaucht war. So etwas ist doch schließlich nicht üblich!

Doch er hatte sich ehrlich gefreut, sie wiederzusehen. Schließlich war sie seine erste große Liebe! Und sie machte in jener Nacht eigentlich keinen auffälligen Eindruck auf ihn.

Vielleicht irrte er sich auch und sie hatte gar nichts mit der Sache zu tun? Möglicherweise hatte sie von Bodies Verletzung anderweitig erfahren? – Nein, dazu war es noch nicht lange genug her. Er, Doyle, kam ja selbst gerade erst aus dem Krankenhaus zurück, als Jessica ihn besucht hatte. Niemand hatte inzwischen etwas verbreitet.

Durch ein plötzliches Geschrei aufgeschreckt, hechtet Doyle aus der Zimmertür und rennt hinüber zu Cowleys Büro.

Gerade noch rechtzeitig kann er sich ducken, um nicht von einem Aktenordner getroffen zu werden, den Jessica blindlings in den Raum schleuderte.

 

„Rufen Sie Dr. Ross an, Doyle!“, befiehlt Cowley, während er versucht, die hysterisch schreiende junge Frau zu bändigen.

Doch alle Bemühungen, sie fest zu halten und mit Worten zu beruhigen, schlagen fehl. Erst ein Schlag in ihr Gesicht bewirkt eine Veränderung ihres Verhaltens: Jessica hält kurzzeitig inne, dann sinkt sie in Cowleys Arme und verfällt in einen Weinkrampf.

Dr. Ross war bereits zu Hause, als Doyle sie erreicht hatte.

Als sie nun Cowleys Büro betritt, steht er noch immer mit der weinenden Jessica in den Armen da. Hilflos blickt er zunächst Doyle, dann Dr. Ross an.

„Bitte gehen Sie, Mr. Cowley, Mr. Doyle. Ich möchte mit ihr allein sprechen.“

 

***

 

Im Aufenthaltsraum muss Doyle zunächst eine Erklärung abgeben, wer diese Jessica überhaupt ist.

Doyle erzählt Cowley zwar, dass sie eine alte Bekannte aus der Schulzeit ist, den Rest der Wahrheit verschweigt er ihm jedoch.

„Ich verstehe aber noch nicht, warum Sie die Frau hierher gebracht haben!“

Cowley blickt Doyle herausfordernd an, wissend, dass er ihm etwas verschweigt.

Gerade als Doyle beginnen will, umständliche Erklärungen abzugeben, nähert sich Dr. Ross hörbar mit forschen Schritten dem Aufenthaltsraum.

„Sir, ich denke es gibt Einiges aufzuklären! – Für Sie könnte es auch noch interessant sein, Mr. Doyle.“

Dr. Ross nimmt auf einem der Stühle Platz und breitet ein paar Notizen auf dem Tisch vor sich aus, bevor sie weiterspricht:

„Ich berichte Ihnen nun, was mir die Frau gesagt hat. Sollte irgendetwas nicht stimmen, oder unschlüssig sein, so unterbrechen Sie mich bitte, Mr. Doyle. -

Jessica ist also Ihre Jugendliebe. Sie haben die Beziehung damals beendet.“

Dr. Ross sieht Doyle fragend an und nimmt sein zustimmendes Nicken zufrieden zur Kenntnis. Dann fährt sie fort:

„Sie hat mir erzählt, dass Sie damals von Ihnen sehr enttäuscht war, denn Sie haben sich als Feigling erwiesen...“

„Ach ja!?“, fällt Doyle Dr. Ross barsch ins Wort. „Ich wollte nur nicht...- ach, was soll’s! Und weiter?“

Cowley blickt skeptisch zu Doyle herüber und dann fordert er Dr. Ross mit einer Handbewegung auf, weiter zu sprechen.

„Nachdem Jessicas nächste Beziehung scheiterte, folgten noch einige andere missglückte Versuche, einen dauerhaften Partner zu finden. Doch im Inneren ihres Herzens hatte sie noch immer das Bild von Ihnen, Mr. Doyle! Und keiner der nachgefolgten Männer konnte Ihnen anscheinend das Wasser reichen.

Darum ist sie nach London gekommen: sie wollte Sie wiederfinden und zurückerobern. Doch als Jessica Sie endlich aufgespürt hatte – sie war bereits seit drei Wochen hier in der Stadt! -, stellte Sie fest, dass Sie sich reichlich verändert hätten!

Sie beobachtete Sie und Ihre Wohnung mehrmals und stellte fest, dass Sie fast ausschließlich in Begleitung Bodies waren!“

Dr. Ross macht eine wirkungsvolle Pause. Cowley verzieht sein Gesicht zu einem unterdrückten Grinsen, denn anscheinend kann er sich denken, worauf Dr. Ross hinaus will. Doyle entgeht dies nicht und er springt wütend von seinem Stuhl auf .

„Es reicht!“

„Bleiben Sie ruhig, Doyle. – Wollen Sie sich nicht anhören, was Dr. Ross sonst noch zu sagen hat? Ich denke, wir sind noch lange nicht am Ende der Geschichte!“, mahnt Cowley.

Trotzig lehnt sich Doyle an den Türrahmen und schiebt abwartend seine Hände in die Hosentaschen.

„Also, wie gesagt, waren Sie meistens in Bodies Begleitung und daraus schloss sie, dass Sie wohl das Ufer gewechselt haben müssen... - ...

Ja, Jessica hält sie tatsächlich für homosexuell, Doyle!

Und das war eine tief greifende Enttäuschung für sie. Doch diesmal gab sie nicht Ihnen die Schuld daran: Sie ist der festen Überzeugung, dass der andere, also Bodie, Sie verführt haben muss. –

Man kann es als eine Art Eifersuchts-Tat bezeichnen, dass sie Bodie töten wollte.“

Triumphierend sieht Dr. Ross George Cowley an, der nun völlig irritiert ist:

„Diese Frau da hat auf Bodie eingestochen? Das ist doch absurd!“

„Sie hat es gestanden und begründet, Mr. Cowley. – Und sie steht zu ihrer Tat, obwohl sie sich bewusst ist, Doyle nun für immer verloren zu haben, weil sie – wie sie sagt - versagt hat. Bodie ist ja noch am Leben.“

„Aber Bodie ...“, protestiert Cowley, doch Dr. Ross fährt ihm ins Wort:

„Ihr Bodie ist auch nur ein Mensch und sie hat ihn offensichtlich vollkommen überrascht. – Mich wundert es im Übrigen gar nicht, denn schließlich ist sie eine Frau. Und uns ist doch allen bekannt, dass Bodie bezüglich Frauen in erster Linie nicht skeptisch sondern positiv denkt!“

Während Dr. Ross’ Ausführungen hat Doyle seine Hände aus den Hosentaschen genommen und zu Fäusten geballt. Durch zusammengebissene Zähne zischt er zornig:

„Diese Hexe, ich will sie nie mehr sehen!“

„Das wird sich wohl kaum verhindern lassen, Doyle. Denn es wird selbstverständlich ein Verfahren hierzu geben!“, gibt Cowley zu bedenken und bedeutet Doyle mit vorwurfsvollem Blick, sich zu beherrschen.

„Aber vorerst habe ich sie in eine geschlossene Anstalt bringen lassen: ich habe nämlich den Eindruck, dass die junge Frau nun, nachdem ihr Traum von einer erneuten Liebe mit ihnen, Doyle, geplatzt ist, in höchstem Maße selbstmordgefährdet ist!“

„Ich danke Ihnen für Ihre Mühe, Dr. Ross. Es genügt, wenn Sie mir Ihren schriftlichen Bericht morgen Mittag hereinreichen. Gute Nacht.“

Cowley öffnet die Tür, um Dr. Ross hinauszubegleiten.

 

***

 

Zwei Wochen später wird Bodie von Doyle aus dem Krankenhaus abgeholt. Die Ärzte sind äußerst zufrieden mit seinem Zustand und in ein paar Tagen wird er wieder mit dem Training beginnen können.

„Wohin fahren wir?“

„Wohin wohl? Der Alte will Dich sicher gerne sehen!“

„Oh nein! Doch nicht ins HQ?“

„Warum nicht, Bodie? Hast Du etwa keine Sehnsucht nach unseren hübschen Mitarbeiterinnen?“

„Nun, wenn man es so betrachtet...die Schwestern waren zwar auch alle ganz akzeptabel, aber... – und überhaupt kann ich dann endlich was über den Fall erfahren! Ich bin wirklich gespannt, warum der Alte und Du immer so geheimnisvoll getan habt!“

Als Doyle mit Bodie im HQ ankommt, gehen Beide geradewegs in ihr Büro und Bodie beginnt sofort, nach der Akte zu seinem Fall zu suchen.

„Du wirst sie hier nicht finden, mein Freund. Ich nehme an, Cowley hat sie in seinem Büro gelagert. – Aber bevor Du sie Dir ansiehst, lass’ Dir was dazu erzählen, sonst...“

„Na komm schon, Doyle! Sag endlich, was es damit auf sich hat!“

Gerade, als Doyle seinem Partner erklärt, warum seine Jugendliebe Bodie töten wollte, betritt Cowley das Arbeitszimmer der beiden Agenten.

„Du meinst, Deine Jessica hält uns zwei für schwul?“

Zunächst fassungslos schaut Bodie Doyle fragend an. Als dieser nickend zustimmt, bricht Bodie in schallendes Gelächter aus. Doyle stimmt mit ein.

„Ich finde das ganz und gar nicht zum Lachen!“, wettert Cowley plötzlich.

Weder Bodie noch Doyle haben ihren Chef bemerkt und so halten sie etwas erschrocken in ihrem Gelächter inne.

„Wenn das nun die Runde macht, dass zwei meiner besten Agenten ...nun, sagen wir...ein Liebespaar sind!“

George Cowley versucht, zu seiner empörten Stimme einen entsprechenden Gesichtsausdruck zu machen, doch es gelingt ihm nicht, denn Doyle und Bodie haben bereits wieder zu lachen begonnen.

Ebenfalls lachend, dreht sich Cowley um und geht zur Tür hinaus.

Wenig später kommt er mit einer Flasche Whisky und drei Gläsern zurück. Er füllt sie und reicht Doyle und Bodie ein Glas. Dann erhebt er seines und klopft Bodie kameradschaftlich auf die Schulter:

„Willkommen zurück, 3.7.!“

 

ENDE

 

Susi, April 2001

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